„Verschwunden“: Die St.-Ansgarii-Kirche / Turm als Wahrzeichen der Altstadt

Reformation und Haube

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Die St.-Ansgarii-Kirche, aufgenommen um 1910 – der hohe Turm passte gar nicht ganz aufs Bild.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Anno 1243 geweiht, im 14. Jahrhundert zur Hallenkirche umgebaut, der Turm nach einem Brand 1590 mit einer glockenförmigen Haube geschmückt – die St.-Ansgarii-Kirche galt als ein Wahrzeichen der Bremer Altstadt. Und das nicht zuletzt wegen ihres Turms, der mit seinen 118 Metern der höchste in Bremen war. Die St.-Ansgarii-Kirche – heute Thema unserer Serie „Verschwunden“.

Der Turm, er war ein prägendes Element der Stadtsilhouette. Die Spitze diente Friedrich Wilhelm Bessel (1784 bis 1846), der Mathematiker und Astronom war, als Ausgangspunkt für die Landvermessung Bremens.

Die Kirche mit den zwei „i“ im Namen wiederum ist ein Schauplatz prägender Szenen der bremischen Kirchengeschichte. Denn sie gilt als Ausgangspunkt der Reformation in der Stadt. Hier war schließlich die erste evangelische Predigt Bremens zu hören.

Der Augustinermönch und Reformator Heinrich von Zütphen (um 1488 bis 1524) hielt sie am 9. November 1522 in einer Seitenkapelle der St.-Ansgarii-Kirche. Er stieß damit nicht allein in der Bevölkerung, sondern auch bei Ratsmitgliedern auf durchaus offene Ohren. Die Ansgarii-Gemeinde entwickelte sich zu einer Hochburg des reformierten Glaubens.

Geschichte von geradezu zeitlos wirkender Relevanz. Gerade tagt – wie berichtet – die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in Bremen.

St. Ansgarii aber, die Kirche mit dem stadtbildprägenden Turm, ist längst aus der Alstadt verschwunden. Grund dafür ist der Zweite Weltkrieg. Im Kriegsjahr 1943 wurde das Fundament der Kirche durch eine Sprengbombe beschädigt. Am 1. September 1944 stürzte dann der Turm ein. Er brach zusammen und zerstörte auch das Kirchenschiff. Nur Seitenwände und die Zütphen-Kapelle blieben (größtenteils) stehen. Bremen hatte ein Wahrzeichen verloren, und zwar unwiederbringlich. Denn nach dem Krieg wurden weder Kirche noch Turm neu aufgebaut; jedenfalls nicht an dieser Stelle. Die Gemeinde verkaufte das Ruinengrundstück an einen Warenhauskonzern. Die neue St.-Ansgarii-Kirche wurde in den 50er Jahren in Schwachhausen gebaut.

Dennoch erinnert in der Altstadt noch heute einiges an die alte St.-Ansgarii-Kirche. Der – mit nur einem „i“ geschriebene – Ansgarikirchhof zum Beispiel. Und die Ansgar-Säule. Sie steht auf dem Ansgarikirchhof – vor dem Haus der Handwerkskammer. 20 Jahre nach Kriegsende, 1965, war sie aufgestellt worden. Zum 1100. Todestag des Heiligen Ansgar (801 bis 865) und auch zur Erinnerung an die im Krieg zerstörte Kirche. Die Bronzesäule ist eine Arbeit des Bildhauers Kurt-Wolf von Borries (1928 bis 1985), der ein Schüler des Stadtmusikanten-Schöpfers Gerhard Marcks (1889 bis 1981) war.

Der Heilige Ansgar, Erzbischof und Missionar, galt – wie heute auf einer Bodenplatte am Fuß der Ansgar-Säule zu lesen ist – als Apostel des Nordens. Und weiter heißt es dort: „Er machte Bremen für Jahrhunderte zu einem Mittelpunkt der Mission.“ Und brachte das Christentum nach Schweden. Gestorben ist er in Bremen, wo die Ansgarii-Kirche noch heute seinen Namen trägt. Nur eben nicht mehr am Ansgarikirchhof.

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