SERIE: VERSCHWUNDEN St. Pauli in Horn

Vergnügen im Mittelpunkt

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Das „St.-Pauli-Restaurant“ ist über Jahrzehnte ein gesellschaftlicher Mittelpunkt in Horn gewesen – hier wurde getanzt, geturnt und gefeiert. 

Bremen – St.-Pauli-Nächte – die waren einst auch in Horn möglich. Aber ganz gesittet! Weit über Horns und auch Bremens Grenzen hinaus bekannt war das „St.-Pauli-Restaurant“, ein – so die Eigenwerbung zu Kaisers Zeiten – Konzert- und Vergnügungsetablissement. Heute ist es Thema unserer Serie „Verschwunden“.

Der Schwung der Industrialisierung hatte die Stadtbevölkerung mobiler gemacht, an den Wochenenden fuhr sie gern raus aufs Land – und Horn, das war damals noch auf dem Land. Allerorten entstanden Ausflugslokale, so auch das „St.-Pauli-Restaurant“ in Horn, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde.

Das volle Freizeit-Programm wurde hier geboten: Es gab Orchesterkonzerte und zwei Doppelkegelbahnen, Tanz im großen Saal und einen Kinderspielplatz mit Wippe und Schaukel. Es gab Clubräume, es gab eine Terrasse und einen „Kaffeegarten“ mit großen, schattenspendenden Bäumen.

Die „St.-Pauli“-Gäste, die – eben – aus der Stadt und auch aus den Umlandgemeinden nach Horn kamen, durften in diesem Garten selbst mitgebrachten Kuchen essen. Zahlen mussten die Gartenbesucher allerdings für das heiße Wasser, mit dem sie ihren Kaffee und ihren Tee – ebenfalls selbst mitgebracht – aufbrühten.

Unterdessen wuchs auch Horn. Und so zog das „St.-Pauli-Restaurant“ nicht allein Gäste von „außerhalb“ an, sondern eben auch Gäste aus der Nachbarschaft. Von der Familienfeier bis zum großen Ball – das Lokal entwickelte sich zu einem Mittelpunkt Horns. Alle trafen sich hier: Turnvereine, Theatergruppen, Gesangsvereine.

Auch der Sportverein Eiche Horn ist hier gegründet worden – am 23. Juli 1899 abends um 20.30 Uhr, wie in der Vereinshistorie genau nachzulesen ist. 26 Horner erklären sich gleich bereit, dem neuen Turnverein beizutreten. Als Turnlokal wird – klar – der große Saal des „St.-Pauli-Restaurants“ ausgewählt. Zur ersten Turnstunde treffen sich die Eiche-Mitglieder hier am 5. September 1899.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Amerikaner das St.-Pauli-Gebäude. Wenig später nutzte der damals noch ganz junge Sender Radio Bremen (vor dem Umzug ins Funkhaus an der Heinrich-Hertz-Straße) den Saal des Lokals als „Funktheater“ – unter anderem trat hier ein junger Musiker aus Sebaldsbrück auf: Hans Last (1929 bis 2015), der später als James Last Weltkarriere machen sollte.

1952 öffnete ein Kino in dem Haus, zwei Jahre später kam auch wieder Gastronomie hinzu. 1964 schloss das Kino, es waren die Jahre des großen „Kinosterbens“ im aufkommenden TV-Zeitalter. Nun nutzte das Theater Bremen den Horner Saals als Probebühne – es war die Zeit, als der „Bremer Stil“ das Schauspiel revolutionierte.

Im April 1965 eröffnete der Musiker und Pächter Fritz Bruns, der sich „Fred Horner“ nannte und auch Western-Schlager veröffentlichte („My Sunny Baby“), im „St.-Pauli-Restaurant“ ein Tanzlokal mit dem Namen „Sanssouci“. Er hatte es auf ein jüngeres Publikum abgesehen, das Beat-Musik hörte. Horner alias Bruns organisierte auch Gesangswettbewerbe in seinem Lokal. Das ging bis Anfang der 70er Jahre gut, dann zog Horner sich zurück.

Nun betrieb seine Frau in den Räumen einen Oben-ohne-Club namens „333“, dann wurde die Bar „Marseille“ daraus. Die „Zeugen Jehovas“ nutzten zwei Jahre lang den Saal. Dann war Schluss, das einst so beliebte Ausflugslokal „St.-Pauli-Restaurant“ war endgültig Geschichte – Ende 1974, Anfang 1975 wurde das Gebäude abgerissen.

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