2012 bei Polizei und Gerichtin Bremen

Die Verbrechen aus der Nachbarschaft

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Gitter geöffnet – aus dieser Zelle flüchtete der 23-Jährige.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Wenn man als Freier eine 18-Jährige hat, die kein Wort Deutsch spricht, kann man schon darauf kommen, dass die das nicht selbst organisiert hat.“ Das sagte die Staatsanwältin Petra Meyer, die für die Verfolgung von Menschenhandelsfällen zuständig ist, im Oktober.

Zwangsprostitution ist ein Thema – nicht nur in Hannover und im Zusammenhang mit der jüngsten „Tatort“-Doppelfolge, in der es etliche Anspielungen auf das wirkliche Leben gab. Sondern auch in Bremen. Im Oktober verkündeten Polizei und Staatsanwaltschaft einen Ermittlungserfolg, der auf besondere Weise erreicht worden war.

Gemeinsam mit

bulgarischen Kollegen

Durch eine Premiere nämlich. Erstmals hatten Bremer Ermittler mit bulgarischen Kollegen eine gemeinsame Ermittlungsgruppe („Joint Investigation Team“, kurz: Jit) gegründet. Auf diese Weise gelang ein Schlag gegen die organisierte Kriminalität – gegen „bandenmäßigen Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“, wie es Kripo-Chef Andreas Weber formulierte. Nach 17 Durchsuchungen in Bremen (zehn Reihenhäuser und Wohnungen in der Neustadt und in Kattenturm), Stuhr (eine) und Bulgarien (sechs) wurden sechs Tatverdächtige festgenommen.

Die Beamten waren zeitgleich in Bremen und im nordbulgarischen Pleven aktiv – 200 hier, 90 in Bulgarien. Die Ermittlungen richten sich gegen 13 Beschuldigte aus Bulgarien, dem Kosovo und Deutschland – und im Kern gegen die sechs Verhafteten, die zu einer Roma-Familie gehören sollen. In den vergangenen Jahren warben die Beschuldigten, so die Vorwürfe, in Pleven junge bulgarische Roma-Frauen an, die aus ärmlichsten Verhältnissen kamen. Sie sollten in Bremen als „Kellnerinnen“ arbeiten. Manchen wurde auch gleich gesagt: als Prostituierte. In Reihenhäusern. In Vierteln, die als „gutbürgerlich“ gelten. Menschenhandel, Zwangsprostitution – „die Verbrechen spielen sich in der Nachbarschaft ab“, sagte ein Ermittler.

Eine Reihe weiterer spektakulärer Fälle beschäftigte Polizei und Justiz.

· Am 1. September, einem Sonnabend, wird im Parkhaus Mitte ein Kaffeefahrtenveranstalter (46) niedergeschossen. Er stirbt im Krankenhaus. Gegen einen 20-jährigen Türken wird ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Inzwischen steht der Abschluss der Ermittlungen kurz bevor, so die Staatsanwaltschaft.

· Noch nicht abgeschlossen sind die Ermittlungen im Fall einer vergifteten Fruchtsaftpackung. Eine Frau (54) erkrankt schwer, die Ärzte versetzen sie im Juli ins künstliche Koma. Gegen ihren Mann ermittelt die Staatsanwaltschaft zunächst wegen versuchten Mordes. Als sie wieder gesund ist, sagt die Frau nicht aus. Ermittelt wird nun wegen gefährlicher Körperverletzung.

· Filmreif – und, wie so mancher Film, kaum zu begreifen: Im August gelingt einem Untersuchungshäftling, 23, die Flucht aus einer Vorführzelle (Terminerstation) im Landgericht. Fenstergitter geöffnet, abgeseilt, verschwunden. Wie konnte das geschehen? Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen gegen einen 28-jährigen Mann Anklage wegen Gefangenenbefreiung erhoben. Es handelt sich um einen sogenannten Hausarbeiter, also einen Mitgefangenen.

· Für Entsetzen sorgt im März der brutale Überfall auf ein Seniorenheim in Lesum. Frauen wurden niedergeschlagen und mit Kabelbindern gefesselt. Täter sind eine Frau, die früher in der Anlage als Altenpflegerin gearbeitet hatte, und deren Mann. Das Urteil des Landgerichts folgt im Juni: sechs Jahre Haft für die Frau (25) und sechseinhalb für den Mann (26) wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung.

· Im Februar fallen Schüsse am Einkaufszentrum in Blockdiek. Ein 22-jähriger stirbt. Ende November verurteilt das Landgericht einen 28-Jährigen wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Der Tat vorausgegangen waren wochenlange Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen von Russlanddeutschen aus Osterholz und Tenever.

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