„Ventilator“ für Korallen

Bremer Ökologen: Symbiose mit Riffbarschen lässt Nesseltiere wachsen

Der Rotmeer-Preußenfisch in einer Steinkoralle, in der er etwa 30 Prozent seiner Zeit verbringt. Wie Bremer Ökologen herausfanden, unterstützt sein Flossenfächern die Korallen in ihrem Wachstum. - Foto: Nur Garcia/ZMT

Bremen - Von Viviane Reineking. Wenn zwei unterschiedliche Organismen eng zusammenleben, können beide profitieren. Riffökologen des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen haben entdeckt, dass die Gemeinschaft von Steinkorallen und Riffbarschen einen bislang unbekannten Vorteil für die Nesseltiere hat.

Für die Gemeinschaft verschiedener Arten von Lebewesen, die voneinander profitieren oder abhängig sind, gibt es in der Natur zahlreiche Beispiele. Auch Korallenriffe sind komplexe Lebensgemeinschaften mit vielfältigen Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten. Eine der bekanntesten Formen des Zusammenlebens ist wohl die Symbiose von Anemonen und Clownfischen: Während die Fische die Anemonen reinigen und mit ihren Ausscheidungen wichtige Nährstoffe liefern, finden sie selbst in den Anemonententakeln Schutz vor Fressfeinden.

Die gleichen Vorteile hat dem Bremer Forschungsinstitut zufolge auch die Gemeinschaft von Steinkorallen und Riffbarschen. Auffällig sei aber, wie unermüdlich die Barsche mit ihren Flossen fächern, wenn sie sich zwischen den Ästen der Koralle aufhalten – nicht nur tagsüber, sondern sogar nachts im Schlaf.

Die Ökologin Nur Garcia, die ihre Masterarbeit bei Sebastian Ferse am ZMT verfasst hat und heute beim Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven beschäftigt ist, und ihre Kollegen vom ZMT haben diese Symbiose deshalb genauer untersucht.

Im Roten Meer vor Eilat in Israel beobachteten sie eine spezielle Art des Riffbarsches, den Rotmeer-Preußenfisch. „Mehr als 30 Prozent seiner Zeit verbringt der Fisch in der Steinkoralle der Gattung ,Stylophora‘“, beobachtete Garcia. „Häufig schwimmen ein Dutzend Barsche oder mehr wie eine Wolke über der fußballgroßen Koralle.“

Im israelischen Labor brachte die Wissenschaftlerin Fische und Korallen aus dem Roten Meer in einem sogenannten Respirometer zusammen. In diesem Gerät maß sie Atmung und Photosyntheseleistung der Koralle. Dies brachte Erstaunliches ans Licht: Selbst wenn nur ein einziger Preußenfisch die Koralle aufsuchte, schnellte die Photosyntheseleistung der Stylophora in die Höhe. Korallen, die mit Riffbarschen zusammenleben, können dadurch deutlich schneller wachsen, so die Erkenntnis der Forscherin.

Bei Steinkorallen betreiben die Algen in den Polypen die Photosynthese. Mit deren Produkten, energiereichen Zuckern, können die Korallen die für tropische Riffe typischen, riesigen Kalkstrukturen bilden. Benötigen die Korallen nachts Sauerstoff zum Atmen, scheiden sie ihn tagsüber im Zuge der Photosynthese aus.

Sammelt sich zu viel Sauerstoff an, hemme das die Wirkung eines für die Photosynthese wichtigen Enzyms. Hier kommt der Riffbarsch als „Ventilator“ ins Spiel: „Mit seinem Fächeln sorgt er für eine bessere Wasserzirkulation sowie den Zu- und Abtransport von Sauerstoff. Das ist in strömungsarmen Gewässern besonders wichtig, wie sie beispielsweise in Lagunen vorherrschen, die von Riffen umschlossen sind“, so Ferse, Leiter der Studie.

Die Forscher um den Riffökologen vermuten, dass die Symbiose auch im Hinblick auf die Korallenbleiche, etwa durch zu warmes Wasser, eine positive Wirkung auf die Korallen haben könnte. Seien die Nesseltiere Stress ausgesetzt, entstünden bei der Photosynthese Sauerstoffradikale, die eine Bleiche förderten. Das Flossenfächeln sorge für deren Abtransport.

„Die zunehmende Überfischung könnte dieser Symbiose zum Verhängnis werden“, warnt Ferse aber auch. „Werden die Fressfeinde der Riffbarsche, die größeren Fische, gefangen, so besteht für die Barsche keine Notwendigkeit mehr, in den Korallen Schutz zu suchen“, so eine Annahme der Forscher. Außerdem seien die Riffbarsche ein beliebter Zierorganismus und würden für den Aquarienhandel befischt. „Im Thousand-Islands-Archipel vor Jakarta zum Beispiel sind bestimmte Arten bereits völlig verschwunden.“

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