Uschi Nerke ist das Gesicht des Beat-Clubs:

Als der Krach ins Haus kam

Erinnerungen: Jörg Sonntag und Uschi Nerke vor der Geburtstagssendung.

Bremen - Von Heinrich Kracke Sie ist das Gesicht des Beat-Clubs. Uschi Nerke. Zum 50. Geburtstag eines Straßenfegers erinnert sich die Moderatorin an die Anfänge. An die wilden Jahre. „Heute finde ich die Musik zahm“, sagt sie.

Sie legt schon wieder dieses unglaubliche Lächeln auf, dieses betörende Lächeln, das sie nicht verloren hat, über all die Jahre nicht. Ein strahlendes Lächeln, das nicht vergessen ist. Beim Publikum schon gar nicht, bei ihrem Publikum. „Ich werde immer noch angesprochen,“ sagt Uschi Nerke, wenn sie von damals erzählt, und von heute. Die Menschen tuscheln, wahrscheinlich werden sie nie aufhören zu tuscheln. „Nein, ist sie das? Sie ist es!“ Und manche werden poetisch. „Da steht meine Jugend.“

Erfolgsduo: Nerke und Leckebusch.

Uschi Nerke gefallen diese Sätze. Sie ist das Gesicht einer ganzen Generation. Sie ist das Gesicht des Beat-Clubs, jener Musiksendung, die Geschichte schrieb, Fernsehgeschichte, und die schnell viel mehr wurde als eine Musiksendung. Diese 30 Minuten, die einst in Schwarzweiß und mit den üblichen Sendestörungen über die Mattscheiben flimmerten, an dieser halben Stunde orientierten sich die jungen Leute so sehr wie an keiner Chartshow nach ihr. Einschaltquoten von 70 und mehr Prozent erreichte kaum noch wer. Dieser Tage wird der Beat-Club runde 50, genau genommen am 25. September.

Radio Bremen und das Erste widmen dem Kult eine ganze Woche. Am morgigen Montagabend ist die Dokumentation „Generation Beat-Club“ zu sehen, „Bunten un Binnen“ serviert täglich den „Sound der Rebellion“ mit Bildern, und der kommende Sonnabend steht auf N3 ganz im Zeichen des Geburtstags. Stars von heute singen Hits von damals, darunter Udo Lindenberg, Peter Maffay, Wolfgang Niedecken und Inga Rumpf, in der folgenden langen Fernsehnacht stehen Konzertfilm, bisher unveröffentlichtes Material und Dokumentation auf dem Programm.

Da ist es schon wieder, dieses Lächeln. „Ich wusste nicht viel über das Fernsehmachen,“ sagt Uschi Nerke, „ich wusste nur eines, wenn das Rotlicht angeht, immer lächeln.“ Fünf Minuten lächelte sie beim Probelauf Anno 1965, dann war jene Studentin, die eigentlich Sängerin werden wollte, und von Rudi Carrell kurzerhand ins Nachbarstudio geschickt wurde, dann war die Architektur-Studentin entdeckt. Dass sie schon bald die Nation spalten würde, ahnte sie nicht.

Anfänge: Die Moderatoren Gerd Augustin und Uschi Nerke

Alltags-Problemchen beherrschten die Wochen vor der ersten halbstündigen Sendung. „Ich hatte keine Ahnung, was musikmäßig gerade läuft,“ sagt sie, und überspielt es mit ihrem Lächeln, „wie sollten wir uns auch informieren? Und wo?“ Es gab nicht mal eine Übersicht der angesagten Schallplatten. Nichts. Mike Leckebusch musste aushelfen. Er war der Erfinder des Beat-Clubs, er besaß eine ansehnliche Sammlung schwarzer Tonträger, er war von Radio Bremen beauftragt worden, die Sendung auf den Sender zu bringen. Er mit seinen damals 28 Jahren. „Wir haben stundenlang die aktuellsten Platten gehört,“ sagt Uschi Nerke. Sie lächelt ausnahmsweise mal nicht, sie schaut versonnen. „Ich hätte gern gesehen, dass er bei diesem Jubiläum dabei wäre. Er hätte es genossen.“ Mike Leckebusch ist vor 15 Jahren gestorben.

Und dann die erste Sendung. Ansager Wilhelm Wieben warnte die Nation. „Sie, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um ihr Verständnis.“ Hottentottenmusik grölte aus den Lautsprechern, Affenmusik, so hieß das damals. 30 Minuten nur, aber ein Echo, das den Sender zum Beben brachte, tagelang. In den Mietswohnungen war der Familienfrieden gestört, bei den Häuslebauern auch. Die jungen Leute wollten Beat, die älteren Fußball. „Das hat sich zum Glück schnell gelegt, die Fußballfreunde haben gemeinsam geschaut, die jungen Leute auch,“ sagt Uschi Nerke. Die Gegner des Beat hielten länger durch. „Euch sollte man vergasen,“ schrieb einer. Nur 30 Minuten, und schon war die Nation gespalten, und gleichzeitig irgendwie auch geeint. „Wir haben viel Post aus der DDR erhalten. Viel Zuspruch.“

Der Riss zog sich auch durch die Familie Nerke. Sudetendeutsche, Vertriebene, ein Beamtenhaushalt. „Ich wurde korrekt erzogen.“ Und dann das! Genau das Gegenteil. „Der Musik-Club, das war Freiheit, das war der Aufstand gegen das Establishment“, sagt Uschi Nerke heute. Die Bremer Yankees lärmten zur Premiere live, die Girlgroup Liverbirds aus Liverpool reiste an die Weser, und die O'Hara Playboys waren sogar schon wer. Mit dem Teufelswerk „Stampfkartoffeln Tätärä“ hatten sie im Jahr vor dem Beat-Club die Hitparaden angegriffen.

„Wir haben dem Krach zum Durchbruch verholfen,“ sagt einer, der den Beat-Club fast von Anfang an begleitete, sagt Jörg Sonntag. Als 16-Jähriger hat er Kabel geschleppt, nur um dabei zu sein. „Ich war von der Musik angefixt.“ Den Bremer Twen-Club kennt er nicht nur vom Hörensagen, im Rauchfang ging er ein und aus, die beiden angesagtesten Tanz-Lokale der Stadt, eines für die Leute mit Schlips, das andere eher verrucht. Da hörte er die Musik, sehen konnte er die Combos nicht. „Im Beat-Club durfte ich endlich den Stars nah sein.“ Alles hätte er getan, um eingelassen zu werden in die alte Garage am alten Sender in Bremen-Osterholz. Spötter nannten ihn schon Leckebuschs Kaffeeholer. Er konterte, Leckebusch trank gar keinen Kaffee, sagt Jörg Sonntag. Irgendwann stellte ihn Leckebusch als Regie-Assistenten ein.

Wilde Zeiten waren es. Und alles kam zusammen. Ozzy Osbourne zum Beispiel. Der „Godfather of Metal“ hatte die Nase voll von welken Blumen im Haar und friedensbewegten Hippies. Schrill und laut musste es sein, befand er, und startete das Unternehmen „Black Sabbath“. Die neue Musikszene suchte ihr Live-Forum, selbst das BBC-Format „Top of the Pops“ kam nur als Konserve daher. Und am Bremer Sender experimentierten sie und experimentierten. Und durften das. Rainer-Werner Fassbinder inszenierte den Klassenkampf, Rudi Carrell die Samstagabendshows mit vielen Aufregern, Peter Zadek unter anderem Frühlings Erwachen. Da war es bis zum Beatclub nicht mehr weit. Und zu Ozzi Osbourne und all den anderen. Jimi Hendrix landete in Bremen, die Bee Gees, die Who, sogar die Stones. Sie alle experimentierten dort, wo sie es durften, allen Zuschauer-Anrufen zum Trotz. „Die Titel hab ich mir nochmal angehört, jetzt erst wieder, zum Jubiläum“ sagt Uschi Nerke, „ich finde sie zahm.“

Manchmal kramt sie die alten Fotos hervor. Jenes zum Beispiel vom Auftritt der Blue Flames. Gerhard Augustin steht als Moderator vor der Kamera, Uschi Nerke auch. Ihr Lächeln legt sie auf. Im adretten Kostüm steht sie vor der jungen Fernsehnation, das Kleid reicht weit über das Knie. Es muss eine der ersten Sendungen gewesen sein. Mit kniebedeckenden Kleidern war es fix vorbei. Wer provozieren will, der muss es ganz tun. Der Beat-Club provozierte, also auch die Moderatorin. „Einen Stapel „Playboys“ legte er vor mir auf den Tisch, wühl dich da durch, hat Mike Leckebusch gesagt,“ sagt Uschi Nerke, „ich habe sie durchgeblättert.“ Heraus kam die Geschichte mit dem Saum, jenem Rocksaum, der höher und höher wanderte, von Sendung zu Sendung ein bisschen höher. In einer Zeit, in der junge Frauen nicht wagten, den Rocksaum anzutasten, da wagte es der Beat-Club. Und schon galt Uschi Nerke als Trendsetter. Viele wollten jetzt den Mini. Die Bremerin Evelyn Frisinger verdiente nicht schlecht. Sie importierte den Minirock aus London. Und selbst vor Aufklärung schreckte der Beat-Club nicht zurück. Der Programmteil „Sex ist mies“ lief über Monate.

Experimente können aber auch nerven. Wer alles ausprobiert hat, und weiter ausprobieren muss, weil Experimente das Konzept sind, der gerät ins Abseits. Langeweile droht, wenn jedes Bandmitglied sein eigenes Solo vortragen möchte. Und wenn die Länge der Musikstücke ausufert. „14 Minuten ging gerade noch,“ sagt Jörg Sonntag, „bei den 21 Minuten für Butterfly Bleu kam ein Njet.“ Legendär auch Keith Emerson, der einen turmhohen Aufbau auf die Bühne schleppen ließ. „Die ganze Idee des Beat-Clubs wurde ad absurdum geführt,“ sagt Sonntag. Schmucklos endete die Ära nach sieben Jahren. „Das Phänomen ist das Publikum“, sagt Uschi Nerke an jenem Sonnabend im Jahr 1972. Licht an, Spot aus. Uschi Nerke stand fortan im Musikladen vor der Kamera.

Übrig blieb die vage Hoffnung auf wenigstens noch ein Nischendasein. „So ganz tot ist der Beat-Club nicht,“ glaubt Jörg Sonntag, „die vielen Mitschnitte, das sehen die Leute immer mal wieder gern.“ Aber ein Comeback? Zu alter Stärke? „Wie denn?“, fragt Sonntag, und gibt am besten gleich die Antwort. „Dazu müssten die junge Leute rebellieren wollen. Aber was tun sie? Sie gehen mit ihren Eltern in „New Kids on the Block“.“ Das Lächeln Uschi Nerkes gefriert.

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