Gedenkfeier für Hans Koschnick im Bremer Dom

"Unser Herz ist voll Trauer“

+
Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf (SPD) steht zusammen mit seiner Ehefrau Luise zum Staatsakt für den ehemaligen Bremer Bürgermeister und EU-Administrator im bosnischem Mostar, Hans Koschnick, am Seiteneingang zum St.-Petri-Dom in Bremen an

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Bei strahlendem Sonnenschein hat Bremen am Mittwoch Abschied von Hans Koschnick genommen. Der Sozialdemokrat, Bürgermeister und Präsident des Senats von 1967 bis 1985, war am 21. April im Alter von 87 Jahren gestorben. Mehr als 700 geladene Gäste sowie Bürger Bremens haben sich zur Gedenkfeier mit Staatsakt im Bremer Dom versammelt.

Neben Bundespräsident Joachim Gauck hatte Christine Koschnick, die Witwe, Platz genommen. Sie trug einen schwarzen Hut. Christine Koschnick habe ihrem Mann mit „Liebe, Geduld, Klugheit und Überzeugungskraft“ zur Seite gestanden, sagte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD). Wegbegleiter Koschnicks aus dem In- und Ausland waren zu der Gedenkfeier angereist, die mit Johann Sebastian Bachs "Von Gott will ich nicht lassen" begann. Der Dom war abgesperrt, überall stand Polizei. Ansprachen hielten neben Sieling die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), Altkanzler Gerhard Schröder, Janusz Reiter, Vorsitzender des Zentrums für Internationale Beziehungen und ehemaliger Botschafter der Republik Polen in Deutschland und den USA sowie Pawel Adamowicz, Stadtpräsident von Danzig. In den 70er Jahren, mitten im Kalten Krieg, hatte Koschnick die Städtepartnerschaft von Bremen und Danzig auf den Weg gebracht - „erkämpft“, wie Reiter formulierte - und damit den Eisernen Vorhang mehr als nur ein klein wenig geöffnet.

„Unser Herz ist voll Trauer um Hans Koschnick“, sagte Dompastorin Ingrid Witte. „So viele Menschen sind gekommen. Das zeigt, wie wichtig Hans Koschnick uns allen gewesen ist. Wir gehen heute einen Schritt weiter auf dem Abschiedsweg. Wir erinnern uns an ihn und sagen Dank für so vieles.“

Altkanzler Schröder sprach beim Staatsakt, nachdem SPD-Chef Sigmar Gabriel aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatte. „Die dankbare Erinnerung an Hans Koschnick wird weiterleben“, sagte Schröder. Koschnick sei ein „menschliches und politisches Vorbild“ gewesen. Die SPD habe mit ihm „wahrlich einen Ausnahmepolitiker verloren“. „Er war schon zu Lebzeiten eine sozialdemokratische Legende.“ Gegensätze überwinden, Versöhnung zu stiften – das sei seine „große Gabe“ gewesen, in Bremen wie in Mostar, in Danzig wie im israelischen Haifa. Koschnick habe auch Fehler „und Scheitern“ eingestehen und Gefühle zeigen können, er habe sich nicht hinter Phrasen versteckt.

„Wir verabschieden uns von einem großartigen Menschen“, sagte Bürgermeister Sieling. Er erinnerte an Koschnicks Herkunft, die prägenden Jahre im Werftarbeiterstadtteil Gröpelingen, an den Widerstand der Eltern gegen die Nationalsozialisten. „Hans ist gerade vier Jahre alt, als der Vater verhaftet wird.“ Das Gemeinsame suchen und das Trennende überwinden seien Leitlinien gewesen, die Koschnick von seinem Vater als 15-Jähriger auf den Weg bekommen habe. Sieling erinnerte auch an politische Erfolge wie die Ansiedlung des Mercedes-Werks in Bremen und des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Und an die bittere Stunde der AG-„Weser“-Schließung, gegen die der Senat machtlos war.

„Hans Koschnick war ein ungewöhnlicher Mensch mit einer ungewöhnlichen Frau“, so Rita Süssmuth. Auch in schwierigen Situationen habe er den Menschen die Wahrheit gesagt. Süssmuth erinnerte unter anderem an Koschnicks außergewöhnliches Engagement für die Aussöhnung mit Polen. Koschnick sei „ein Wegweiser“ gewesen, der den Menschen Orientierung gab.

„Hans Koschnick hat sich zu einer Lebensaufgabe gemacht, das Verbindende zwischen Polen und Deutschland möglich zu machen“, sagte Janusz Reiter. Er sei ein „leidenschaftlicher Verfechter der Versöhnung“ gewesen. Pawel Adamowicz aus Danzig sagte: „Hans Koschnick war immer bei uns, besonders in schweren Momenten.“

Pastor Renke Brahms, leitender Theologe der Bremischen Evangelischen Kirche und Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, sagte in seiner Predigt: „Ein großer Bremer, ein aufrechter Hanseat, ein Brückenbauer, ein Kämpfer für Frieden, Europa und Bremen, ein Friedensstifter – so ist Hans Koschnick schon über viele Jahre, besonders aber in den letzten Tagen gewürdigt worden – zu Recht. Und dennoch hätte er selbst vielleicht abgewinkt und gesagt: Nun übertreibt mal nicht! Denn das gehörte auch zu ihm: unprätentiös, bescheiden zu sein und sich als Dienender der Menschen zu verstehen.“

Brahms würdige Koschnicks „politisches Leben, sein Engagement für Bremen und die Menschen dieser Stadt, für Europa, für Mostar, für Israel und Polen und für Frieden und Versöhnung“. Koschnick habe aus „den ihm geschenkten Gaben“ etwas für die Menschen gemacht. Und: „Ob Schülerunruhen in Bremen oder Auseinandersetzungen um die Universität, ob die für ihn sicherlich schwerste Stunde der Schließung der AG ,Weser' oder die Anschläge in seinem Amt als Sonderbeauftragter der EU in Mostar: Hans Koschnick war kein Mensch, der schnell aufgab, sondern sich in großer Selbstverständlichkeit der Verantwortung stellte.“

Domkantor Tobias Gravenhorst und der Knabenchor von Hans Koschnicks Gemeinde Unser Lieben Frauen (unter der Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Ansgar Müller-Nanninga) haben die Gedenkfeier musikalisch gestaltet. Von Bach über „In Paradisum“ von Gabriel Fauré bis zu Felix Mendelssohn-Bartholdys „Verleih uns Frieden“ zog sich ein musikalischer Bogen, der von Trauer zu Licht und Zuversicht führte. „Ins Paradies werden Engel dich geleiten“, so lautet ein Vers am Ende des Fauré-Stückes. Auf Wunsch von Christine Koschnick stimmte die Trauergemeinde das Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ an. Der Text stammt von dem Bremer Pastor und Kirchenliederdichter Joachim Neander (1650 bis 1680).

Im Anschluss an Trauerfeier und Staatsakt folgte ein Trauerempfang im Bremer Rathaus.

Lesen Sie auch:

Bremen trauert um Hans Koschnick

Reaktionen auf Hans Koschnicks Tod

Vorbild, Volkstribun und Staatsmann

In Kindertagen politisch geprägt

Mehr zum Thema:

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Verden: Tanz macht Schule 

Verden: Tanz macht Schule 

Meistgelesene Artikel

Werder geht nicht unter: „Die Gefahr ist gebannt“

Werder geht nicht unter: „Die Gefahr ist gebannt“

15 Einbrüche auf dem Bremer Weihnachtsmarkt

15 Einbrüche auf dem Bremer Weihnachtsmarkt

Junger Bremer stellt Edelpralinen von Hand her

Junger Bremer stellt Edelpralinen von Hand her

Reaktionen auf geplanten Sparkassen-Umzug

Reaktionen auf geplanten Sparkassen-Umzug

Kommentare