Polizei nimmt Zuschauer kurzzeitig fest

„Ultra“-Prozess: Tumulte im Landgericht

Valentin S. zusammen mit seinem Verteidiger Horst Wesemann (hinten). Seit Juli 2015 sitzt der junge Mann in Untersuchungshaft. Gestern wurden vor dem Landgericht die Plädoyers gehalten. Das Urteil wird für den 29. Juni erwartet. - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Schlussplädoyers gestern am Landgericht Bremen: Während die Staatsanwaltschaft im Prozess gegen Valentin S. (22) und Georg S. (23) „sämtliche Anklagevorwürfe“ als bestätigt ansieht und mehrjährige Haft für Valentin forderte, plädierten die Anwälte der Werder-„Ultras“ auf Freispruch beziehungsweise Bewährungstrafen. Ein Urteil fällt erst in vier Wochen, was für großen Unmut unter den Zuschauern sorgte.

Man habe die „kleine Hoffnung, den Prozess heute abzuschließen“, sagte Vorsitzender Richter Manfred Kelle zu Beginn des 15. Verhandlungstages. Die Hoffnung war da, doch sie wurde nach den Schlussvorträgen am frühen Nachmittag je zerstört. Zuviel sei zu besprechen, zu groß seien die Einwände von Verteidigerseite, die es für das Gericht nun zu klären gelte, so Kelle. Geht es nach Staatsanwalt Benedikt Bernzen, hat sich Valentin in insgesamt sieben Fällen der gefährlichen Körperverletzung und in einem der versuchten räuberischen Erpressung in Tateinheit mit Diebstahl schuldig gemacht. Er forderte dreieinhalb Jahre Haft – ohne Bewährung.

Besonders schwer wogen bei der Strafzumessung eine Schlägerei in Bremen im Zuge des Nordderbys im vergangenen Jahr sowie ein Steinwurf auf einen Fotografen bei einer Demo in Rostock. Mit Blick auf den letztgenannten Fall sagte der Staatsanwalt, S. habe schwere Gehirnverletzungen seines Opfers „billigend in Kauf“ genommen. In fünf weiteren Fällen soll der heute 22-Jährige mutmaßliche Angehörige der rechten Szene „gezielt und überfallartig“ attackiert haben, bei allen Taten sei eine „unverkennbare Handschrift“ auszumachen gewesen. Valentin habe sich dabei „nahezu gewaltsuchend“ verhalten. Alle Zeugen, so der Anklagevertreter, wären bei ihren Aussagen vor Gericht „objektiv und glaubwürdig“ gewesen.

Da Valentin und Georg bis zum Ende der Beweisaufnahme schwiegen, stützte sich Bernzen in fünf Fällen ausschließlich auf Indizien – gleicher Tatablauf, Täterbeschreibungen, politische Motivation und Zeugenaussagen würden so „zwingend den Schluss zulassen“, dass die beiden für die Taten verantwortlich seien. Im Fall von Georg S., der in zwei Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz schuldig zu sprechen sei, forderte Bernzen ein Jahr und fünf Monate auf Bewährung. Zudem soll er ein „symbolisches Schmerzensgeld“ von 1000 Euro an eines der Opfer zahlen.

Sprach Bernzen von „schädlichen Neigungen“ Valentins und sagte, dieser sei „allzeit gewaltbereit“, betonte sein Verteidiger Horst Wesemann, einige Taten hätten einen politischen Hintergrund gehabt. Keinesfalls wolle er diese damit gutheißen, doch widersprach er vehement, bei Valentin einen „psychischen Defekt“ auszumachen. Er forderte eine Bewährungsstrafe, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen. Jan Sürig, Verteidiger von Georg, sieht seinen Mandanten in keinem der drei angeklagten Fälle als schuldig an. Für ihn könne das Urteil daher nur Freispruch lauten.

Unrühmlicher Höhepunkt des Verfahrens bisher: Nachdem Richter Kelle verkündete, dass erst am 28. Juni ein Urteil gesprochen wird, äußerten einige Zuschauer lautstark ihren Unmut. Es sei ein „Skandal“, rief ein junger Mann mehrfach. Als die Polizei noch im Saal seine Personalien aufnehmen wollte, habe er sich widersetzt, schilderte ein Beamter später. Dem Zuschauer wurden kurzzeitig Handschellen angelegt, bis sich die Lage einige Minuten später wieder beruhigte.

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