Autor und Ex-Katholiken-Sprecher Tacke: Bremen hat keine Tradition der Toleranz

„Über vieles kann ich lachen“

„Die Mär von den toleranten Bremern“: Wilhelm Tacke mit seinem neuen Buch in der Wittheitsstube des Rathauses. - Foto: Kuzaj

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Die Mär von den toleranten Bremern“ – seine Grundthese trägt das neue Buch des Bremer Autors Wilhelm Tacke schon im Titel. In der Hansestadt beruft man sich ja gern auf eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition der Toleranz. „Die gibt es gar nicht“, sagt Tacke nun. Inzwischen aber, so die versöhnliche Note, klappe es schon ganz gut mit der Toleranz.

Tacke weiß, wovon er schreibt und spricht, denn: „Ich war 25 Jahre lang Sprecher einer Minderheit in Bremen.“ Tacke, ursprünglich Lehrer, war Sprecher der etwa 55 000 Bremer Katholiken. „Ich zuckte immer zusammen, wenn das Wort ,Toleranz‘ in Reden genannt wurde.“ Denn: „Ich wusste, wie man mit meinen Glaubensbrüdern umgegangen war.“ Erst 1823 haben die Bremer Katholiken eine Kirche bekommen. Noch im 20. Jahrhundert schimpften Bremer, wenn sie sich über etwas ärgerten, das sei ja „zum katholisch werden“.

Tacke beschreibt in seinem Buch ausführlich eine jahrhundertelange Diskriminierung der Katholiken an der Weser. Mit Vorurteilen hatten sie noch lange zu kämpfen. Im Alltag und im gesellschaftlichen Umgang.

In den 60er Jahren machte Propst August Sandtel (1911 bis 1992), ein Kommunikator vor dem Herrn, seinen Antrittsbesuch beim einflussreichen SPD-Fraktionsvorsitzenden Richard Boljahn (1912 bis 1992, im Buch irrtümlich „Bolljahn“ geschrieben – fast so schlimm wie Propst mit „b“). „König Richard“ ließ den Gast „wie einen dummen Jungen vor seinem Schreibtisch stehen“ und tat so, als ei er in Papiere vertieft, schreibt Tacke. Bis Sandtel das Thema Kinderstube und Benimmregeln ansprach – da musste Boljahn mit dem „Pfaffen“ reden, obwohl er das eigentlich nicht wollte.

Tacke versteht es einmal mehr, sein Thema mit vielen Anekdoten zu behandeln. „Über viele Dinge kann ich lachen“, sagt er. „Es ist kein Buch der Anklage, das ich mit Zornesfalten geschrieben habe.“

Ernste Themen gibt es dennoch. Etwa, wenn der Bürgermeister, Diplomat und Bremerhaven-Gründer Johann Smidt (1773 bis 1857) zur Sprache kommt. Smidt hatte auf dem Wiener Kongress 1814/15 entscheidend dazu beigetragen, dass die zuvor unter französischer Verwaltung gewährte Ansiedlungsfreiheit für Juden ab 1815 deutschlandweit wieder rückgängig gemacht wurde. Und er setzte sich dafür ein, dass jüdische Familien wieder aus Bremen vertrieben wurden. Das Thema Antisemitismus nimmt einen breiten Raum ein in Tackes Buch.

Toleranz, Miteinander, Ökumene – all das, so Tacke weiter, hat sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Ökumenische Trauungen, Sternsinger im Rathaus, Repräsentanten unterschiedlicher Glaubensrichtungen im Gespräch – vieles, was heute alltäglich wirkt, war lange Zeit nicht selbstverständlich oder gar schlicht undenkbar.

Nicht ohne Stolz verweist Tacke auf die vielen Katholiken, die es im Bremen der Gegenwart zu etwas gebracht haben: Dr. Frauke von der Haar (Direktorin des Focke-Museums), Kunsthallen-Chef Professor Christoph Grunenberg, Denkmalpfleger Professor Georg Skalecki. Und so weiter, und so fort.

Gleichwohl sieht Tacke in der Gegenwart nicht alles rosig. „Die Toleranz ist noch nicht flächendeckend verbreitet“, sagt er. Als Beispiele dienen ihm etwa der Umgang mit dem Neurobiologen Andreas Kreiter und die umstrittene Predigt des evangelischen Pastors Olaf Latzel, der Katholiken, Moslems und Buddhisten diffamiert hatte.

Wilhelm Tacke: „Die Mär von den toleranten Bremern“. Edition Temmen, 224 Seiten, 274 Abbildungen. Preis: 19,90 Euro.

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