Prozess gegen Motorradfahrer: Angeklagter zu schnell

Trotz Vollbremsung keine Chance für das Opfer

Der 24-jährige Angeklagte muss seit dem Unfall eine Schlinge um seinen Arm tragen. Der Arm ist fast vollständig gelähmt. Links: Verteidiger Bernhard Docke, rechts Armin von Döllen. - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Im Prozess gegen einen 24-jährigen Motorradfahrer, der sich unter anderem wegen Mordes vor dem Landgericht Bremen verantworten muss, wurden am Dienstag zwei Gutachten verlesen. Nach Einschätzung eines Unfallsachverständigen war der Angeklagte zwar zu schnell unterwegs, als er im Juni vorigen Jahres mit einem Rentner kollidierte und dieser daraufhin starb, doch der Vorwurf des Mordes wird sich nach den Ergebnissen wohl nur schwer aufrechterhalten lassen.

63 bis 68 Kilometer pro Stunde – so hoch soll die Aufprallgeschwindigkeit gewesen sein, als der Angeklagte am 17. Juni 2016 mit einem 75-jährigen Mann auf der Nordstraße in Walle kollidierte. Dieses Ergebnis geht aus einem Gutachten hervor, das dem Gericht präsentiert wurde. 

Nach Berechnungen des Experten (50) fuhr „Alpi“ (so der Name des Angeklagten auf seinem bereits gelöschten Youtube-Kanal) bis zum Erkennen des Rentners bei erlaubten 50 Kilometern pro Stunde zwischen 97 und 108 „Sachen“. Trotz Vollbremsung erfasste die Kawasaki den 75-Jährigen und schleuderte ihn mehrere Meter durch die Luft. Der Rentner starb noch an der Unfallstelle.

Wie weiter aus dem Gutachten hervorgeht, hätte der Angeklagte bei angepasster Geschwindigkeit genug Zeit gehabt, noch vor dem Mann, der die Ampelkreuzung aller Wahrscheinlichkeit nach bei „Rot“ überquerte, auszuweichen oder vor ihm zum Stehen zu kommen. 

Rund 43 bis 58 Meter Bremsweg standen dem Motorradfahrer laut Gutachten zur Verfügung, bei Tempo 50 und einer Vollbremsung wäre der Angeklagte nach etwa 27 Metern zum Stehen gekommen, so die Berechnungen. Scheinen diese Ergebnisse wenig antastbar, lässt sich die Anklage auf Mord nur noch schwer aufrechterhalten.

Weiterer Verstoß?

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft soll der 24-Jährige kurz vor der tödlichen Kollision einen anderen Autofahrer touchiert und von der Unfallstelle geflohen sein. Und das lege eine Verdeckungstat nahe und stelle ein Mordmerkmal dar, hatte Anklagevertreter Björn Krebs zu Prozessauftakt gesagt.

Jedoch passen die Schäden am Auto laut Gutachter nicht zum mutmaßlichen Geschehen, hieß es am Dienstag. Die Spuren würden eher auf „einen satten Altschaden“ hinweisen, so der Sachverständigen. Für ihn dränge sich eher der Verdacht auf, der Zeuge habe den eingerissenen Stoßfänger von der Versicherung ersetzt haben wollen, wohlwissend, dass dieser Schaden bereits vorher bestand.

Als einen jungen Mann, der sich „ausgesprochen konstruktiv“ verhalten habe, beschrieb ein zweiter Gutachter, der die Persönlichkeit des Motorradfahrers unter die Lupe genommen hatte, den Angeklagten. Der 24-Jährige sei „stets bereit gewesen, zur Aufklärung beizutragen“ und nehme die Schuld auf sich, hieß es. „Party, Saufen und Disco-Meile waren nie sein Ding“, stattdessen habe sich der junge Mann eher dem Sport gewidmet.

Ein erstes Studium (Maschinenbau) brach der Angeklagte ab, kurz vor dem Unfall studierte er auf Lehramt. Etwa ein Jahr vor dem Unfall sei der Alltag des Angeklagten „so dahingeplätschert“, beschrieb es der Gutachter und fügte an: „Es war ein von laissez faire geprägter Lebensstil.“ Auf die Frage, ob der Sachverständigen den Eindruck gewonnen hätte, dem Angeklagten sei das Leben anderer egal gewesen, folgte die knappe Antwort: „Nein“.

Der Prozess wird am Dienstag, 31. Januar, mit den Plädoyers fortgesetzt.

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