Trotz Fahrpreiserhöhung zahlen viele Chefs ihren Taxifahrern keinen Mindestlohn

Geschäftsmodell Trickserei

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Bremer Taxiunternehmer versuchen laut der Interessengemeinschaft der Taxifahrer, den Mindestlohn zu umgehen.

Bremen - Von Simone Schnase. Seit dem 1. Januar müssen Arbeitgeber, die nicht unter eine der zahlreichen Ausnahmeregelungen fallen, ihren Angestellten Stundenlöhne von mindestens 8,50 Euro bezahlen. Dazu gehören auch Taxiunternehmer. Doch die, behauptet die Bremer Interessengemeinschaft (IG) der Taxifahrer, interessiert das wenig – obwohl die Fahrpreise um rund 15 Prozent ansteigen sollen.

Viel zu viel sei das, sagt Marco Bark, Sprecher der IG: „Wir wissen zwar, dass Bremen im Gegensatz zu anderen Städten die Preise noch moderat erhöht, aber trotzdem werden wir viele Fahrgäste verlieren.“ Unterm Strich bedeute das keinerlei Änderung für die Fahrer, die keinen Stundenlohn erhalten, sondern 35 bis 40 Prozent ihres Umsatzes. „Schriftlich werden 40 Wochenstunden für einen Stundenlohn von 8,50 Euro abgerechnet – in Wahrheit arbeitet der Fahrer für das gleiche Geld 70 Stunden.“

Auch Schwarzarbeit sei in der Branche ein großes Thema: „Angeblich geringfügig Beschäftigte fahren fünf, sechs Tage in der Woche.“ Mit solchen Tricksereien halten die Unternehmer laut Bark nicht hinterm Berg: „Da wurde Kollegen ganz stumpf gesagt: Mindestlohn wird es nicht geben.“ Ein Kollege, ebenfalls IG-Mitglied, sei sogar gekündigt worden, weil er auf sein Recht auf Mindestlohn bestanden habe.

Für die Kontrolle des Mindestlohngesetzes ist die Bundeszollverwaltung zuständig. „Aktuell haben wir bundesweit rund 6500 Beschäftigte bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, die wegen des Mindestlohngesetzes aber bis 2019 um jährlich 320 Beschäftigte aufgestockt werden soll“, sagt Sarah Garbers von der Finanzdirektion Nord, zu der auch das Hauptzollamt Bremen gehört. Grundsätzlich müsse jedes Unternehmen mit Kontrollen rechnen, „aber unsere Schwerpunkte liegen in den Branchen Bau, Pflege, Gebäudereinigung, Gastronomie und Beförderung“.

Letzteres sieht Bark anders: „Ich fahre seit 22 Jahren Taxi und bin nur einmal vom Zoll kontrolliert worden.“ Während Fahrer extrem selten kontrolliert würden, geschehe das bei Unternehmern nie: „Ich weiß aus anderen Städten, dass dort Computer-Server in Taxizentralen überprüft wurden, weil dort sämtliche Fahrer erfasst sind, in Bremen jedoch ist das noch nie passiert.“ Daneben sieht Bark ein Problem in der Nutzung der Taxi-Konzessionen: „Die Unternehmer besetzen immer alle Taxen, obwohl beispielsweise montags nur die Hälfte von ihnen notwendig ist – jedes von ihnen braucht aber einen Fahrer, der manchmal stundenlang nur steht.“ Rechnen würde sich dieses „Geschäftsmodell“ wiederum durch Schwarzarbeit. Und nicht nur die sorge dafür, dass es unter den Taxifahrern wenig Geschlossenheit gebe: „Die meisten Kollegen haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich beschweren – besser wenig verdienen als arbeitslos werden.“

Jeder könne sich bei Verstößen an das Zollamt wenden, sagt Sarah Garbers: „Wir nehmen auch anonyme Hinweise ernst und gehen ihnen nach.“ Auch die Gewerkschaften bieten Hilfe an, zusätzlich zu ihren Sprechzeiten haben sie eine telefonische „Mindestlohn-Hotline“ eingerichtet. „Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Verstößen ihrer Arbeitgeber umgehen sollen – ihnen fehlt das soziale Umfeld und das Selbstbewusstsein“, sagt Tim Voss vom DGB-Verband Bremen-Elbe-Weser. „Unser zentrales Anliegen ist aber, dass 8,50 Euro nur ein Anfang, nicht aber das Ende der Fahnenstange sein dürfen.“

Verdienst unter Mindestlohn

Laut DGB verdienten in Bremen zuletzt rund 12 000 Vollzeitbeschäftigte (sieben Prozent) und in Bremerhaven rund 3 000 (knapp neun Prozent) Vollzeitbeschäftigte unter 8,50 Euro pro Stunde. Während in Bremen 5,1 Prozent und in Bremerhaven 5,4 Prozent der vollzeitbeschäftigten Männer unter 8,50 Euro verdienten, lag der Frauenanteil in Bremen bei 11,6 Prozent und in Bremerhaven bei 14,4 Prozent.

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