Forschung: Eltern mit Lernschwierigkeiten und ihre Kinder leben meist isoliert

Die Trennung als Alternative

Bremen - Von Viviane ReinekingFamilien, in denen die Eltern Lernschwierigkeiten haben, leben meist sozial isoliert und leiden unter der Kontrolle und Einmischung in ihre Privatsphäre. Das belegt eine Studie der Universität Bremen unter der Leitung der Behindertenpädagogin Ursula Pixa-Kettner.

„Lernschwierigkeiten“ meint in diesem Fall die geistige Behinderung der Menschen. Wissenschaftler greifen auf Wunsch der Betroffenen, die sich durch die frühere Bezeichnung diffamiert sehen, auf diesen Ausdruck zurück. Bundesweit, so schätzt die Bremer Professorin Pixa-Kettner, sind rund 3 000 bis 5 000 Menschen mit einer geistigen Behinderung Eltern. Was dies für die Familie und vor allem die Kinder bedeutet, hat sie zusammen mit der Wissenschaftlerin Kadidja Rohmann in einem einjährigen Projekt qualitativ untersucht.

22 Eltern aus Norddeutschland – 14 von ihnen werden ambulant betreut, acht leben teils vorübergehend in einer stationären Einrichtung – befragten die beiden Forscherinnen. Ein stationärer Aufenthalt ist oftmals eine Bedingung des Jugendamtes, damit die Eltern mit ihren Kindern zusammenleben dürfen. Die meisten arbeiten in Werkstätten für Behinderte und bewegen sich fast ausschließlich in einem Umfeld behinderter oder benachteiligter Menschen.

Die Studie zeigt: Zwar äußerte sich die große Mehrheit der interviewten Familien erst einmal durchaus zufrieden mit den erhaltenen Hilfen, beispielsweise in Bezug auf ihre Kinder und bei der sozialen Integration. Pixa-Kettner: „Die Betroffenen haben jedoch nicht gelernt, ihre Wünsche und Kritik zu äußern. Sie sind dankbar dafür, dass sie überhaupt Unterstützung erhalten und mit ihren Kindern zusammenleben können. Dafür nehmen sie alles in Kauf, denn die Alternative wäre Trennung.“

Erst, als die beiden Forscherinnen genauer nachfragen, gibt es auch kritische Stimmen: Fast die Hälfte der Befragten empfindet die Hilfen als „unheimlich starken Eingriff in ihr Privatleben, vor allem bei stationären Einrichtungen“. Einige wünschen sich einen respektvolleren Umgang durch die Fachkräfte. Viele hätten das Gefühl, es werde über ihren Kopf hinweg entschieden. „Es ist wichtig für die Mütter, dass sie erste Ansprechpartner sind“, sagt Rohmann.

Die Wohnsituation stellt sich für viele Eltern ebenfalls problematisch dar: Spezialisierte stationäre Einrichtungen befinden sich oft weit vom ursprünglichen Wohnort entfernt, was mit dem Verlust des sozialen Umfeldes sowie einer Trennung von einem Teil der Familie einhergeht. Mehr Unterstützungsangebote vor Ort fordert deshalb die Behindertenpädagogin.

Mit dem Umzug schrumpfe auch das ohnehin sehr kleine soziale Netzwerk der Betroffenen, das zu einem großen Teil aus Familie und Fachkräften bestehe, selten jedoch aus Freunden, Kollegen oder Nachbarn. „Diese Menschen leben in einer sehr homogenen Gruppe“, so Pixa-Kettner, mit wenig Kontakt zu nicht-behinderten oder benachteiligten Menschen. „So kann schnell ein Kreislauf entstehen“, warnt die Expertin. Patenfamilien könnten der Wissenschaftlerin zufolge den Kindern den Zugang zu anderen sozialen Milieus und Geflogenheiten eröffnen.

Die Forscherinnen fordern eine Barrierefreiheit und Inklusion nicht nur auf Schulebene. Fachkräfte und Kommunen seien gefragt, Familien zu unterstützen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Gefördert wurde das Projekt von der Braunschweiger Kroschke-Stiftung mit rund 30 000 Euro. Die Frage nach der Unterstützung für Eltern mit Lernschwierigkeiten stellt sich für die Stiftung auch vor dem Hintergrund des präventiven Kinderschutzes: „Es gibt die Befürchtung, dass diese Kinder besonders gefährdet sind, missbraucht oder misshandelt zu werden, weil die Eltern mit der Erziehung überfordert sind“, sagt Vorstandsmitglied Gerd-Ulrich Hartmann.

http://www.begleiteteelternschaft.de

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