Doppelausstellung beschäftigt sich mit der Architektur der Nachkriegsjahrzehnte

Treffpunkt Waschhaus

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In der Schau „Ich lebe hier“ geht es um Bremer Siedlungen der 50er bis 70er Jahre. ·

Bremen - Von Thomas KuzajGleichförmige Siedlungen, graue Hochhaustürme? Über den Städtebau der Nachkriegszeit gibt es viele Vorurteile. Eine Doppelausstellung in der „School of Architecture“ der Hochschule Bremen soll diese Vorurteile jetzt „ein bisschen aufbrechen“.

So sagt es Eberhard Syring, Professur für Architekturtheorie und Baugeschichte an der „School of Architecture“ sowie wissenschaftlicher Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur (BZB), das sich der Architektur ab 1950 widmet. Zu sehen ist die Doppel-Schau bis zum 1. Februar 2013 – in der Galerie der „School“ im früheren Postamt 5 am Hauptbahnhof. Welchen Prinzipien folgte der Städtebau der 50er bis 70er Jahre in West- und Ostdeutschland? Um diese Frage geht es in der Ausstellung „In der Zukunft leben – Die Prägung der Stadt durch den Nachkriegsstädtebau“, die der Bund Deutscher Architekten (BDA) konzipierte. Und zu der Bremen ein wichtiges Kapitel beiträgt.

Stichwort: Neue Vahr. Die Großsiedlung galt als „Europas größte Baustelle“, und ihre Konzeption wirkte weit über Bremens Grenzen hinaus. „Architekten aus Europa sind nach Bremen gepilgert und haben sich das angeschaut“, sagt Syring. Die Ausstellung stellt dem Bremer Beispiel auch ein Ost-Äquivalent gegenüber, die Großsiedlung Halle-Neustadt. Sie entstand allerdings später als die Neue Vahr, ihre Y-förmigen Hochhäuser stehen für eine viel größere Verdichtung, sagt Syring – so, wie es Ende der 60er Jahre geplant und in Bremen dann in (und mit) Tenever probiert wurde.

Weitere Städtebau-Beispiele der BDA-Schau sind Friedrichshafen am Bodensee und Suhl im Thüringer Wald als Orte mit einem besonderen landschaftlichen Bezug sowie Darmstadt und Dresden mit ihren innerstädtischen Achsen – in Dresden geht es um den Neuaufbau der Prager Straße, die sich nach der Wende dann noch einmal wieder stark veränderte. Dargestellt werden die Beispiel-Orte mit Bildern, Plänen und Filmen.

35 Studenten der Hochschule Bremen und der Hochschule für Künste entwickelten den zweiten, durch und durch lokal geprägten Teil der Doppelausstellung. In der Schau mit dem Titel „Ich lebe hier“ gehen sie der Frage nach, wer denn in all den Siedlungen und Wohnbauten der 50er bis 70er Jahre tatsächlich wohnt – und wie. In transparenten Rahmen werden alte Schwarzweißaufnahmen mit neuen Bildern der Quartiere konfrontiert, dazu gibt es historische Abrisse zur Entwicklung – und Interviews mit Bewohnern.

Zehn Siedlungen wurden beispielhaft ausgewählt – darunter der neu aufgebaute Bremer Westen und die Gartenstadt Süd in der Neustadt, Blockdiek als – so Syring – „neue Neue Vahr“ und Kattenturm, Huchting und Neu-Schwachhausen.

Die einerseits durch den Blick der Studenten und andererseits durch die Bewohnerperspektive geprägte Auseinandersetzung mit der Architektur der Nachkriegsjahrzehnte bringt auch Kritisches an den Tag.

Der 26-jährige Fertigungsmechaniker Robert etwa stammt aus Stralsund und lebt jetzt am Rande Huchtings. Er schätzt die Nähe der Landschaft. Am Stadtteil selbst aber stört ihn „das aggressive Verhalten mancher Jugendlicher“. „Die schlimmste Ecke ist an der Hermannsburg, Amsterdamer und Rotterdamer Straße“, heißt es. Der 26-jährige möchte sich mit seiner Freundin eine Wohnung suchen, die näher am Zentrum liegt.

Aufgespürt haben die Studenten auch Thea und Hans, die seit 1957 in der Gartenstadt Süd wohnen – und damit zu den wenigen „Urbewohnern“ zählen, die es dort noch gibt. Ja, früher „war das Gemeinschaftsgefühl größer“, sagen sie. Das Waschhaus etwa sei ein Treffpunkt gewesen – denn die meisten Bewohner besaßen noch keine eigene Waschmaschine. Gemeinschaftsgefühl? „Man kennt die eigenen Nachbarn nicht“, sagt ein 58-Jähriger aus Kattenturm, der seit sechs Jahren im Stadtteil lebt. Er beklagt die Jugendkriminalität. Nach 20 Uhr geht er nicht mehr so gern nach draußen.

http://schoolofarchitecturebremen.de

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