Sachverständige legen psychiatrisches Gutachten vor

Angriff gegen Radfahrer: Trauma als Triebkraft?

Unruhe und sogenanntes „Kriegszittern“ begleiten das Auftreten des Angeklagten (r.) seit Prozessbeginn im Februar. Links: Verteidiger Carsten Scheuchzer.
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Unruhe und sogenanntes „Kriegszittern“ begleiten das Auftreten des Angeklagten (r.) seit Prozessbeginn im Februar. Links: Verteidiger Carsten Scheuchzer.

Warum rastet ein Porsche-Fahrer aus und attackiert einen Radfahrer mit einem Cuttermesser, das er im Wagen liegen hat? Um diese Frage geht es im Prozess gegen einen 33-Jährigen.

Bremen – Kindheit im Bürgerkrieg und ein damit verbundenes Trauma, Kokain und private Probleme – waren es diese Faktoren, die einen 33-Jährigen im August 2020 dazu veranlassten, mit einem Cuttermesser auf einen Radfahrer einzustechen? Nach Angaben des Angeklagten, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag vorwirft, spielten all diese Umstände eine zentrale Rolle für die Tat.

Auch ein psychiatrisches Gutachten, das am Montag vor dem Landgericht Bremen verlesen wurde, kam zu diesem Schluss, konnte eine Frage jedoch nicht zweifelsfrei beantworten.

Die beiden Psychiater hatten einiges an Material. Ihnen lagen Atteste vor, Gesundheitsakten der Justizvollzugsanstalt (JVA), auch selbst hatten sie mehrfach mit dem Mann gesprochen, der im Steintorviertel nach einer vorausgegangenen Auseinandersetzung mit einem Radfahrer (39) auf diesen eingestochen haben soll.

Polizeistudent greift helfend ein

Gezielt in Richtung Kopf und Hals des Mannes, so Staatsanwältin Claudia Kück, habe der Mann die Stiche mit einem Teppichmesser gesetzt. Nur die Umstände, dass der Radfahrer einen massiven Helm trug und ihm ein Polizeistudent helfend zur Seite sprang, bewahrten das Opfer wohl vor schweren, wenn nicht gar tödlichen Verletzungen.

Wie „ein Berserker“

Doch warum eskalierte eine zunächst so harmlose Situation derart, dass Zeugen berichteten, der Angeklagte sei wie „ein Berserker“ ausgerastet? Die Gründe dafür könnten in der Vergangenheit des Mannes liegen. Aufgewachsen im Kosovo, erlebte der Angeklagte nach eigener Aussage seit frühester Kindheit Krieg und die daraus resultierende Gewalt, er sah Blut, Verstümmelungen, Tote, war gezwungen, mit seiner Familie nach Mazedonien zu fliehen, um wenig später zurück in den Kosovo zu gehen, so die Angaben. Dass die Erzählungen des Angeklagten zuträfen, davon sind beide Gutachter überzeugt, auch die daraus resultierende Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sei „keineswegs gespielt“.

Bremst Radfahrer Porsche aus?

Alles, was nur im Entferntesten an Krieg erinnere – Geräusche, Waffen, Polizei, bestimmte Gerüche – könne bei Betroffenen von PTBS gravierende Reaktionen hervorrufen. So möglicherweise auch beim Angeklagten, bei dem laut einer am Montag verlesenen Einlassung seines Verteidigers Carsten Scheuchzer mehrere Faktoren eine Rolle spielten. Vor dem eigentlichen Angriff, den der 33-Jährige abermals einräumte, habe der Radfahrer den Porsche ausgebremst, mit der flachen Hand auf die Motorhaube geschlagen und gerufen: „I’m the fucking Police!“ Die Kombination aus – zumindest für den Angeklagten so wahrgenommenen – Bedrohung und dem Schlüsselwort „Polizei“ könnte Auslöser für die Attacke gewesen sein oder sie zumindest begünstigt haben, hieß es.

Vor der Autofahrt gekokst

Da er und seine Familie nach ihrer Rückkehr in den Kosovo regelmäßig von serbischen Beamten überfallen und zusammengeschlagen worden seien, rufe gerade der Begriff „Polizei“ traumatische Erinnerungen wach. Hinzukomme, so ein Gutachter, „die erheblich frustrierte Vorspannung“ des 33-Jährigen am Tattag, der kurz vor Fahrtantritt Kokain konsumiert hatte und aus Geldnot nicht bei der bevorstehenden Geburt seines ersten Kindes anwesend sein konnte.

Der Angeklagte bedaure den Angriff auf den Radfahrer sehr, er habe nie gewollt, dass jemand ernsthaft verletzt oder gar getötet werde, sagte er. „Ich kann versichern, dass ich niemanden töten wollte.“ Aus einer „eigentümlichen Gefühlslage“, Wut und Panik habe er einen Schlag mit dem Cuttermesser, das im Ablagefach der Beifahrertür gelegen habe, gesetzt. An weitere Stiche oder Schläge könne er sich nicht erinnern, vieles sei ihm „wie in einem schwarzen Tunnel“ erschienen.

Trotz aller Informationen, die die Gutachter zusammentragen konnten, blieb die zentrale Frage nach der Schuldfähigkeit des Mannes weitestgehend offen: Ob diese erheblich eingeschränkt war, könne weder klar festgestellt noch sicher ausgeschlossen werden.

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