Themeninseln im Demo-Look

Focke-Museum zeigt „Protest und Neuanfang – Bremen nach ‘68“

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Ganz schön plakativ: „Protest und Neuanfang – Bremen nach ‘68“. Auf 450 Quadratmetern zeigt das Focke-Museum ab Mittwoch, 30. August, in einer neuen Ausstellung die Entwicklung Bremens bis 1983.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Von den Straßenbahnunruhen 1968 bis zu den Krawallen bei der Rekrutenvereidigung im Weserstadion am 6. Mai 1980, von der Uni-Gründung 1971 über die Mercedes-Ansiedlung 1978 bis zur Schließung der Werft AG „Weser“ 1983 – die Jahre nach 1968 haben Bremen dauerhaft verändert.

Jetzt sind sie Thema einer neuen Ausstellung des Focke-Museums in Schwachhausen. Der Titel der Schau, die vergleichsweise lange – nämlich bis zum bis 1. Juli 2018 – gezeigt wird: „Protest und Neuanfang – Bremen nach ‘68“. Um den Titel habe man „lange gerungen“, sagt Dr. Frauke von der Haar, die Direktorin des Focke-Museums. Unter anderem war „Neuland“ im Gespräch. Die Paarung „Protest und Neuanfang“ trifft den Kern aber viel besser.

Denn zwei Hauptstränge ziehen sich durch die Ausstellung. Auf der einen Seite die Jugendproteste und deren gesellschaftliche Folgen – auf der anderen Seite der wirtschaftliche Strukturwandel, der den Werft- und Schifffahrtsstandort Bremen besonders getroffen hat. Das eine ist zwar nicht die Folge des anderen, wohl aber fielen Protestkultur und Strukturwandel zeitlich zusammen. 

Zudem nimmt die Ausstellung das Thema Migrationsgeschichte mit in den Fokus. Das ist tatsächlich museales Neuland und bereichert die Schau um eine prägende Dimension. Parallel dazu sind die Ausstellungstexte in deutscher, englischer und türkischer Sprache zu lesen.

Ergänzung zur Dauerausstellung

Die Schau ist zugleich praktisch eine Ergänzung und Fortsetzung der Dauerausstellung des Focke-Museums zur bremischen Geschichte, die ja auch neu gefasst und verändert werden soll. An „Protest und Neuanfang“ lässt sich schon einmal ablesen, wie das einmal aussehen wird – es wird nicht mehr chronologisch erzählt. Stattdessen setzen Themeninseln („Konfrontation und Reaktion“, „Bildung und Universität“, „Kultur und Medien“) Schwerpunkte. Sie erklären Entwicklungen und stellen Themen in Zusammenhänge.

Themeninsel „Strukturwandel“: Raumfahrt- und Autoindustrie wachsen, während die Werftindustrie wegbricht.

Gestaltet ist all dies in einer Art Demo- und Flugblatt-Look. Das wirkt plakativ und in gewisser Weise auch nostalgisch. Ja, es gab Zeiten, da war ein Piratensender wie „Radio Zebra“ eine subversive Sensation. Aber im Vergleich zu Medien und Möglichkeiten der Gegenwart sieht die zur Tarnung in Picknickkörben verborgene Sendetechnik auch ganz schön alt aus.

Apropos Medien – leicht kann sich die von Dr. Jan Werquet und Dr. Bora Aksen kuratierte Ausstellung vom klassischen Texttafel- und Exponat-Wechselspiel lösen. Es gibt ja so viele bewegte Bilder aus der Zeit! Geradezu ikonografisch beispielsweise wirkt der Fernsehbeitrag aus der Zeit des Kampfs gegen die Schließung der AG „Weser“, in dem Betriebsratschef Hans Ziegenfuß Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) zwei Tage vor der Bürgerschaftswahl 1983 sein SPD-Parteibuch hinwirft – und Koschnick weint.

Der Strukturwandel, er hat Bremen mindestens so sehr verändert wie die von einem liberalen (Bildungs-) Bürgertum begünstigte Protestkultur, deren Geschichte hier schon im November 1967 beginnt – mit dem Auftritt von Rudi Dutschke in der „Lila Eule“. Es sind aber auch „stillere“ Themen, die Bremen seit jener Zeit verändert haben – nicht so plakativ greifbar, nicht so sehr für Demos geeignet. So gilt seit 1970 bei der Einkommensteuer das Wohnortprinzip. Das hat Bremen wegen der vielen Einpendler aus dem Umland sehr viel Geld gekostet. Geld, das bis heute fehlt.

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