Sprechende Akten: Theaterstück um Radikalenerlass

Forschung auf der Bühne - Studenten werten 900 Dokumente aus

+
Brachten die szenische Lesung um den Radikalenerlass aus den 70er Jahren auf die Bühne: Simon Elias (v.l.), Kathrin Steinweg, Erik Roßbander, Peter Lüchinger und Erika Spalke von der Bremer Shakespeare Company.

Bremen - Von Dieter Sell. Die Kulisse ist spartanisch. Nur Stühle, ein paar Tische, darauf Kisten mit Akten, Bergen von Akten. Die Konzentration liegt voll auf dem gesprochenen Wort. Denn was da bei der Premiere am Mittwochabend auf der Bühne der Bremer Hochschule für Künste (HfK) dem Publikum zu Ohren kommt, ist starker Tobak: In der szenischen Lesung „Staatsschutz – Treuepflicht – Berufsverbot“ lassen Schauspieler mit Zitaten aus Originaldokumenten lebendig werden, was 1972 unter dem Stichwort „Radikalenerlass“ in Deutschland Gesetz wurde – und für einige Beamtenanwärter einem Berufsverbot gleichkam.

1,4 Millionen Menschen wurden überprüft, 1 100 von ihnen verwehrte der Staat den Eintritt in den öffentlichen Dienst. Vor allem die Schulen sollten von „linken Lehrern“ und vermeintlichen Staatsfeinden freigehalten werden. Das wird schnell klar in der Lesung aus Bremer Fall-Akten, die aus dem Staatsarchiv der Hansestadt stammen. Mit ausgewählten Dokumenten und Artikeln aus der nationalen und internationalen Presse wird der Radikalenbeschluss in die Geschichte Westdeutschlands eingeordnet.

Der mehr als zweistündige Abend gehört zu einem bundesweit einzigartigen Projekt, das seit zehn Jahren forschendes Lernen und dramaturgische Arbeit, Universität und Theater verbindet. Das Konzept entwickelte die Bremer Historikerin Eva Schöck-Quinteros. Ziel ist es, Akten auf der Bühne zum Sprechen zu bringen und auf diese Weise einem breiten Publikum quellenbasierte Forschung zu einem geschichtlichen Thema zugänglich zu machen.

„Die szenische Lesung eignet sich hervorragend“, sagt Schöck-Quinteros. „Sie verlässt sich auf die Sprache der Dokumente und erlaubt es, historische Texte ohne ergänzende Erläuterungen, Kommentare und Interpretationen vorzustellen.“ „Aus den Akten auf die Bühne“ – unter diesem Motto entstehen seit 2007 an der Uni unter ihrer Leitung Geschichts- und Theaterprojekte zu Themen aus der Vergangenheit. Die Lesung zu Radikalenerlass und Berufsverboten ist mittlerweile das elfte Projekt. Davor ging es unter anderem um die Ausweisung „lästiger Ausländer“ in der Weimarer Republik, um NS-Terror, Entnazifizierung und Kolonialgeschichte.

Das jeweils zweisemestrige Projekt ist an der Uni ein Angebot im Studienschwerpunkt „Geschichte in der Öffentlichkeit“. Die Studenten sollen erfahren, wie anschaulich historische Dokumente sein können und wie mit ihnen kreativ umgegangen werden kann. Auch eine Fleißarbeit, denn: Bei jeder Produktion recherchieren sie in Archiven, werten Fallakten und Medien aus und schreiben Artikel oder Einleitungen zu ausgewählten Quellen. Diesmal waren es annähernd 900 Dokumente.

Die dramaturgische Gestaltung und künstlerische Umsetzung übernimmt dann die Bremer Shakespeare Company (BSC) unter der Leitung des Regisseurs und Schauspielers Peter Lüchinger. „Es braucht viele Menschen, um das Projekt auf die Bühne zu bringen“, bedankte er sich nach einer bejubelten Premiere bei den Studenten für ihre Arbeit.

Weitere Vorstellungen der szenischen Lesung „Staatsschutz – Treuepflicht – Berufsverbot“ sind am 17. Oktober, 23. November, 3. Dezember und 19. Dezember geplant, alle im Theater am Leibnizplatz. - epd

www.sprechende-akten.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Israels Armee riegelt Gazastreifen nach Raketenangriffen ab

Israels Armee riegelt Gazastreifen nach Raketenangriffen ab

Tödlicher Unfall zwischen Clues und Heiligenfelde

Tödlicher Unfall zwischen Clues und Heiligenfelde

Altpapiercontainer gerät in Brand

Altpapiercontainer gerät in Brand

„Helene Fischer Show“ 2017: Alle Infos zu Gästen, Sendetermin und Live-Stream

„Helene Fischer Show“ 2017: Alle Infos zu Gästen, Sendetermin und Live-Stream

Meistgelesene Artikel

Grünkohl als Öl und Praline

Grünkohl als Öl und Praline

Bremer Borgward-Areal: Kauf verzögert sich

Bremer Borgward-Areal: Kauf verzögert sich

Bremen: Auftakt in Drogenprozess gegen vier Männer

Bremen: Auftakt in Drogenprozess gegen vier Männer

Brände in Bremerhaven: 15-Jähriger wieder auf freiem Fuß

Brände in Bremerhaven: 15-Jähriger wieder auf freiem Fuß

Kommentare