Hans Eulenbruch will Textilhaus wieder aufbauen

Stück für Stück zurück

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Hans Eulenbruch mit den Unterlagen für die strafrechtliche Prüfung der Äußerungen, die der Sprecher der Staatsanwaltschaft nach dem Freispruch getan hat. 

Bremen - Von Elisabeth Gnuschke. „Der beste Tag in den vergangenen zwei Jahren war der Mittwoch, an dem die Richterin verkündet hat, dass der Prozess zu Ende geht“, sagt Hans Eulenbruch, früherer Geschäftsführer des Textilhauses „Harms am Wall“, das im Mai 2015 durch vorsätzliche Brandstiftung zerstört wurde. Das ist jetzt drei Wochen her. Zwei Tage später, Ende März, fiel das Urteil: Freispruch für ihn und den Mitangeklagten. Für Eulenbruch beginnt nun die Phase der Aufarbeitung. Der Blick des 64-Jährigen richtet sich aber auch nach vorn: Er will Harms in alter Größe wieder aufbauen und sucht geeignete Räume.

Dem 64-Jährigen ist anzumerken, wie sehr ihn das alles noch mitnimmt. Die vergangenen zwei Jahre haben sein Leben und das seiner Familie völlig verändert. Warum war nicht der Freispruch bedeutender als die Ankündigung des Prozessendes? Nun, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung, zum einen sei er stets von seinem Freispruch überzeugt gewesen. „Ich bin unschuldig“, betont er. Und ist sein Vertrauen in Polizei und Staatsanwaltschaft „stark erschüttert“, so glaubt er fest an die Gerichtsbarkeit.

Und zweitens? Nach dem Urteil kam der Zusammenbruch. Fast zwei Jahre lang hatte sich Eulenbruch gegen Vorwürfe der Ermittler gewehrt, hatte sich in Untersuchungshaft (U-Haft) von Mitte Dezember 2015 bis Mitte Mai 2016 und danach durch mehr als 10 000 Seiten in Prozessakten gearbeitet. Genauestens wusste er, was wo auf welcher Seite steht, wo es nachzuhaken gilt. Die Aktenordner in seinem Arbeitszimmer im geschmackvoll eingerichteten Haus umfassen mehrere Meter. Überall gelbe Zettelchen dazwischen, „alles wichtige Stellen“. Ständig stand der 64-Jährige „unter Strom“, war hellwach. Nach dem Urteil, dem Freispruch, fiel er in ein ganz tiefes Loch – für Therapeuten alles andere als überraschend, die Dauer-Anspannung fällt weg, damit das Adrenalin.

Vor dem Bremer Landgericht: Hans Eulenbruch und sein Verteidiger Erich Joester (rechts). 

Eine Woche hielt dieser Zustand an, seitdem kämpft sich Eulenbruch Stück für Stück wieder nach oben. Dass er dafür therapeutische Hilfe braucht, wie bereits in den vergangenen Monaten, verschweigt er nicht. Er weiß mittlerweile auch, dass erst jetzt, nach dem Urteil, die Aufarbeitung der Leidenszeit beginnen kann. Der Raubüberfall vor dem Großbrand im Mai 2015, die Zeit in der U-Haft, während der sein Vater starb – all das muss erst noch verarbeitet werden.

Großer Rückhalt

Viele Monate, in denen Eulenbruch ebenso wie der zweite Angeklagte der schweren Brandstiftung, versuchten Versicherungsbetrugs und Vortäuschens einer Straftat beschuldigt wurde – wie übersteht man das? „Man funktioniert, auch im Knast“, sagt der Geschäftsmann und kommt auf die Prozessakten zurück: „Davon kenne ich jede Seite.“ „Aber was ist mit den Menschen, die dazu nicht in der Lage sind, die sich keinen Top-Anwalt leisten können?“ fragt sich Eulenbruch und kommt gleich wieder in Fahrt. Er beklagt „einseitige, schlampige Ermittlungen, die Unterschlagung von entlastendem Material, manipulierte Zeugenaussagen“ und Spuren, denen nicht nachgegangen worden sei. Sein großer Rückhalt: seine Familie, seine Nachbarn, seine Freunde, seine Geschäftspartner, die Handelskammer. „Sie alle haben zu 100 Prozent zu mir gehalten, keiner hat sich abgewendet“, sagt er.

Und er erwähnt extra auch seine Lieferanten. Mitte Juli 2015 hat Hans Eulenbruch nur wenige Schritte neben dem abgebrannten Harms-Gebäude, in dem er lediglich Mieter war, ein neues, kleines Geschäft aufgemacht, „eine Interimslösung“. 

Bei dem Großbrand am 6. Mai 2015 sind das Textilhaus Harms und zwei weitere Gebäude am Wall vernichtet worden.

Selbst später, als er in U-Haft saß, hätten die Lieferanten weiter Ware gebracht. „Machen Sie sich keine Sorgen über die Bezahlung, verkaufen Sie erstmal“, habe einer gesagt. „Das war ein Riesen-Vertrauensvorschuss, den muss man sich erstmal erarbeiten“, freut sich der Geschäftsmann, dessen ganzes Leben samt der Finanzen vor Gericht durchleuchtet wurde. Ein vom Gericht beauftragter Sachverständiger bescheinigte, dass „Harms am Wall“ ein finanziell gut laufendes Unternehmen war, das den Eulenbruchs nicht nur beste Gehälter, sondern auch große Gewinne bescherte, unter anderem durch den langfristigen, günstigen Mietvertrag.

Gibt es die große Entschädigung?

Inzwischen ist das Eigenheim belastet, die private Rentenvorsorge aufgelöst, Eulenbruch fast ruiniert. Der Freispruch ist rechtskräftig, gibt es nun die große Entschädigung? Der 64-Jährige mit Faible für Architektur und Jura lacht: „Die Versicherung, die ja die Ermittlungen gegen mich selbst initiiert hat, hat bisher nicht gezahlt.“ Es geht dabei um mehrere Millionen für Bestände, Einrichtung, Betriebsunterbrechung. Auf seine Forderung nach dem Prozess habe man noch nicht reagiert. Für die Haft gebe es als Entschädigung 25 Euro pro Tag, „abzüglich Verpflegung und Strom“, die Anwaltskosten würden nur in der Höhe eines Pflichtverteidigers übernommen. So wird Eulenbruch den Großteil des Anwalthonorars selbst tragen müssen. 

Seinen persönlichen Gesamtschaden schätzt der 64-Jährige auf mehrere Millionen, „selbst, wenn die Versicherung zahlt“. Unter anderem werde er in der City nirgends wieder so günstige Mietkonditionen bekommen wie im zerstörten Wall-Gebäude. Sein großes Ziel ist, Harms in der Innenstadt mit einer Fläche von gut 1 000 Quadratmeter wieder aufzubauen, die Interimslösung umfasst nur 200 Quadratmeter. „Wir suchen händeringend geeignete Räume“, betont Eulenbruch.

Zur Aufarbeitung gehört für ihn auch der Antrag auf strafrechtliche Prüfung der Äußerungen von Oberstaatsanwalt Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Eulenbruch geht es dabei um die Themen falsche Verdächtigung, Beleidigung, Verleumdung und üble Nachrede unter Berücksichtigung des Urteils. Nach dem Freispruch hatte der Sprecher gegenüber Medien gesagt, man gehe davon aus, mit den Angeklagten die Verantwortlichen für die Brandlegung angeklagt zu haben. Auch eine mögliche Strafvereitelung im Amt (der Ermittlungsbehörden) will Eulenbruch überprüft wissen. Er möchte, wie er sagt, verhindern, dass anderen ähnliches widerfahre.

Eigentümer plant Neubau

Bei einem Großbrand am 6. Mai 2015 wird das aus dem Jahr 1909 stammende Textilhaus „Harms am Wall“ völlig vernichtet. Es entsteht ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe. Die Experten stellen fest, dass das vierstöckige Gebäude an mehreren Stellen angezündet wurde. Mieter Hans Eulenbruch sagt, er sei überfallen und eingesperrt worden. Er habe sich schließlich befreien und vor den Flammen retten können. Am selben Tag hatte er einen Prozess gegen den Eigentümer gewonnen, der das marode Gebäude sanieren sollte. Im Dezember 2015 kommen Eulenbruch und ein zweiter Mann für Monate in Untersuchungshaft. Ihnen wird schwere Brandstiftung und versuchter Versicherungsbetrug vorgeworfen. Im August 2016 beginnt der Prozess gegen sie vor dem Landgericht. Bereits zum Jahreswechsel deutet sich an, dass die Indizien bröckeln. Ende März 2017 werden die beiden Angeklagten freigesprochen. Die Ruine soll abgerissen werden, Eigentümer Bremermann plant einen aufgestockten Neubau. 

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