Handwerkerpfusch: Weitere Details zu Tod in Bremer Arztpraxis

Tragisches Unglück durch loses Stromkabel

Großeinsatz für Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte nach dem tödlichen Stromschlag in einer Arztpraxis in Horn. Die Experten machten Handwerkerpfusch als Ursache aus: Wie jetzt bekannt wurde, hing ein loses Stromkabel in einer Leichtbauwand und kam an Metall.
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Großeinsatz für Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte nach dem tödlichen Stromschlag in einer Arztpraxis in Horn. Die Experten machten Handwerkerpfusch als Ursache aus: Wie jetzt bekannt wurde, hing ein loses Stromkabel in einer Leichtbauwand und kam an Metall.

Tragisches Unglück nach Handwerkerpfusch in Bremer Arztpraxis: Weil Türklinken unter Strom stehen, stirbt Mitte April ein Arzt, zwei weitere Menschen werden verletzt. Jetzt gibt es weitere Details zur Ursache.

Bremen – Ein Arzt (53) stirbt nach einem Stromschlag in seiner erst vor wenigen Wochen renovierten Praxis in Horn. Er hatte eine Türklinke angefasst, und die stand unter Strom. Wie konnte das passieren? Handwerkerpfusch, so lautete zwei Wochen später das Fazit von Sachverständigen. Das tragische Unglück hat viele Leser bewegt und auch die Umstände, wie es dazu gekommen sein soll. Wir haben daher nochmal nachgehakt.

Was war passiert, am Nachmittag des 14. April? Eine Mitarbeiterin der Praxis sackt zusammen, sie hat Türklinken in den Räumen berührt. Der 53 Jahre alte Arzt eilt ihr zur Hilfe, fasst ebenfalls die Türklinken an. Was er nicht weiß: Die Griffe stehen unter Strom. Letztlich trägt die Mitarbeiterin leichte Verletzungen davon. Für den Arzt kommt jede Hilfe zu spät, er stirbt noch vor Ort. Ein Feuerwehrmann bekommt bei dem Großeinsatz ebenfalls einen Stromschlag ab, schwebt zunächst in Lebensgefahr. Einige Tage später kann er aus der Klinik entlassen werden. Inzwischen, so Feuerwehrsprecher Andreas Desczka am Mittwoch, geht es dem Mann gut, er ist wieder im Einsatz.

Türen in Bremer Arztpraxis stehen unter Strom

Experten der Polizei und externe Sachverständige finden bei Messungen schnell heraus, dass mehrere Türen unter Strom standen. Ende April berichtet die Polizei, dass das Unglück auf Handwerkerpfusch zurückzuführen sei. Das Gebäude war im Februar saniert worden. Offiziell ist von „unsachgemäß ausgeführten Arbeiten“ die Rede, es wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Auch jetzt noch.

Dass es erst zwei Monate nach den Arbeiten zu dem Unglück gekommen ist, erklärt die Polizei nach Rücksprache mit den Experten damals so: Frisch aufgetragene Farbe habe die Zargen zunächst isoliert. Durch das Öffnen und Schließen der Türen habe sich die Farbschicht abgenutzt. Zum Zeitpunkt des Unglücks am 14. April floss der Strom ungehindert in die Klinken.

Loses Kabel in Leichtbauwand löst Unglück aus

Auf Nachfrage erläutert Oberstaatsanwalt Frank Passade jetzt den aktuellen Stand der Ermittlungen und berichtet Details zur Ursache für die Stromschläge. Danach handelt sich bei der Wand mit den Türen um eine Leichtbauwand mit Metallprofil. Solche Wände lassen sich versetzen, wenn umgebaut wird. Von einer einst vorhandenen Steckdose sei in dieser Wand noch das Stromkabel übrig gewesen. Das hätte bei den Bauarbeiten isoliert werden müssen, was jedoch nicht geschehen sei, stellten die Experten fest.

Stattdessen hing das Kabel lose und unisoliert in der Wand, kam ans Metallprofil, der Strom floss in die Türzargen aus Metall, dann in die Klinken, berichtete der Oberstaatsanwalt aus den Ergebnissen der Sachverständigen.

Tatsächlich, so zitiert Passade, habe eine auf die Zargen aufgetragene Farbschutzschicht zunächst verhindert, dass die Türen und Klinken unter Strom standen. Doch durch das Öffnen und Schließen sei die Schicht mit der Zeit abgerieben, so dass es Mitte April zu den folgenschweren Stromschlägen gekommen sei.

„Ein Anstrich hat niemals die Aufgabe, irgendwas zu isolieren“

Über diese Schilderung stolperten einige Leser. Farbe, die isolierend wirkt? Da schüttelt auch Sven Kühnast, Obermeister der Maler- und Lackiererinnung Bremen, den Kopf. Im Normalfall würden Metallzargen vom Hersteller grundiert, dann bekämen sie meistens noch einen Anstrich vom Maler. Kühnast: „Wir sprechen dann von einer Gesamtschichtstärke von 100 bis 120 Mikrometer, also etwa 0,1 Millimeter.“ Ein Anstrich an Tür oder Zargen habe niemals die Aufgabe, „irgendwas zu isolieren“. „Er soll hübsch aussehen und eventuell vor Korrosion schützen, das ist seine Aufgabe, mehr nicht.“

In den verschiedenen Gesprächen im Rahmen der Recherche tauchte mehrfach folgendes Szenario als Mutmaßung auf: Das lose Stromkabel in der Leichtbauwand rutschte erst Wochen nach der Sanierung – zum Zeitpunkt des Unglücks – durch die Bewegung der Türen ans Metallprofil, der Strom kroch direkt weiter. Doch wie gesagt, das sind Mutmaßungen.

Elektroinstallationsfirma ist ermittelt

Dann wäre da noch das Thema Fehlerstromschutzschalter (bekannt als FI-Schalter oder RCD), der bei gefährlich hohen Fehlerströmen gegen Erde die Spannung abschaltet. Das hat sicher der eine oder andere zu Hause schon erlebt. Zum Beispiel, so Rolf Fuhrken, Sachverständiger für Elektrotechnik im Handwerk, von der Handwerkskammer Bremen bestellt und vereidigt, wenn ein elektrisch defekter Staubsauger an den Heizkörper kommt. Dann springt der FI-Schalter um – „Strom aus“. In Arztpraxen, unabhängig vom Fall in Horn, sei zwingend mindestens ein FI-Schalter Pflicht, so Fuhrken. Außerdem sei für medizinisch genutzte Räume ein zusätzlicher Potenzialausgleich nach VDE erforderlich. Bei Übergabe einer Baustelle gebe es einen Prüfbericht, in dem die Stromkreise aufgeführt seien.

Ob es FI-Schalter in der Praxis in Horn gab, ob sie vergessen wurden oder nicht intakt waren, dazu konnte der Oberstaatsanwalt keine Angaben machen. Ermittelt ist unterdessen die Elektroinstallationsfirma, die die Arbeiten in der Arztpraxis durchgeführt hat. Welche Personen konkret vor Ort gearbeitet haben, dazu liefen die Ermittlungen noch, so Passade. Wie es dann weitergeht, ob es eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung gibt oder das Unglück auf anderem Wege aufgearbeitet wird, das sei noch offen, hieß es.

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