Obdachlose verkaufen Straßenzeitung / Ein Projekt von Hochschulen

Streit ist verboten

Sven Lamprecht verkauft in der Nähe des Hauptbahnhofs eine Bremer Straßenzeitung an eine junge Frau. ·

Bremen - Von Denise MüllerSven Lamprecht steht am Ausgang des Bremer Hauptbahnhofs, dort wo die Menschen mit Blick zu Boden vorüber eilen. Ein bis zwei Schritte geht er ihnen entgegen, hält ihnen eine Zeitung ins Sichtfeld und wirbt um Interesse.

Er verkauft die „Zeitschrift der Straße“ (ZdS), eine Obdachlosenzeitung in Bremen und Bremerhaven, die es seit einem Jahr gibt.

Unter den rund 40 Straßenmagazinen in Deutschland ist die ZdS eine der jüngsten – und die einzige, die in Bremen entsteht. Mit einer Auflage von 14 000 Stück startete die Zeitschrift als Projekt von Dozenten und Studenten der Hochschule Bremerhaven und wurde beim bundesweiten Ideenwettbewerb „Generation-D“ ausgezeichnet.

Das Besondere: Design-Studenten der Hochschule für Künste (HfK) in Bremen kümmern sich um die Gestaltung, freie Autoren um die Texte und die Gründer um Anzeigen und Marketing.

Der Verkauf der Straßenzeitung aber ist Obdachlosen vorbehalten. Alle zwei Monate hat die Zeitschrift eine Straße in Bremen oder Bremerhaven zum Thema. Verkäufer wie Sven Lamprecht versuchen, sie den vorbeieilenden Passanten schmackhaft zu machen.

Lamprecht ist ein großer Mann, der durch seine orangefarbene Jacke auffällt. Er redet viel, meist ist er höflich. Doch viele Menschen gehen ohne Reaktion an ihm vorbei, ein paar blicken kurz auf und schütteln den Kopf, wenige antworten in ganzen Sätzen oder kaufen eine Zeitung. „Von zehn Leuten reagieren sechs gar nicht. Das trifft mich am meisten“, sagt er. Trotzdem verkauft der ehemalige Soldat vergleichsweise gut: 40 Stück an zwei Tagen.

Er kauft die Zeitschrift für 50 Cent oder einen Euro, je nach Ausgabe, und verkauft sie für zwei. „Aber da bleibt nicht viel von übrig.“ Denn Lamprecht ist drogenabhängig. Reinhard Spöring vom kirchlichen Verein Innere Mission betreut die ZdS-Verkäufer ehrenamtlich und weiß, dass einige den Gewinn in Drogen investieren. „Aber viele sind froh, dass sie zumindest von der Beschaffungskriminalität wegkommen.“ Auch Lamprecht hat nach eigenen Angaben früher geklaut, aber seit er die ZdS verkauft, habe er sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen.

Aufnahmekriterien für die Verkäufer der Straßenzeitschrift gibt es nicht. „Jeder, der verkaufen möchte, kann verkaufen, wenn er sich an die Regeln hält“, sagt Spöring. Verboten ist es zum Beispiel, Passanten zu nötigen oder Streit anzufangen.

„Die Gewinnung der Verkäufer ist viel langwieriger als gedacht“, sagt Michael Vogel, Professor an der Hochschule Bremerhaven und Initiator der ZdS. Viele Verkäufer seien unzuverlässig. Gerne wolle man sie in die Redaktion einbinden, doch sei das Interesse verhalten. Chefredakteur Armin Simon bietet ab und zu Redaktionstreffen in den Räumen der Inneren Mission an.

„Wenn von 100 Verkäufern zwei oder drei auf einen guten Weg kommen, ist das für uns ein Erfolg“, meint Spöring. Lamprecht könnte einen solchen guten Weg einschlagen: Er hat sich für ein Programm beworben, das ihn von seiner Drogensucht befreien soll.

Das Obdachlosenmagazin hat gerade erst (wir berichteten) einen Preis in New York gewonnen. Die Publikation wurde laut HfK mit dem renommierten „Certificate of Typographic Excellence“ ausgezeichnet. Die Zeitschrift ist ein Projekt des Vereins für Innere Mission, der Gesellschaft für integrative soziale Beratung Bremerhaven, der HfK und der Hochschule Bremerhaven. · lni

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