Geschichte, Sport und Recherchen

20. „Nacht der Jugend“ im Bremer Rathaus: Stilbruch mit Moralfrage

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Die Geschichtswerkstatt der Oberschule am Leibnizplatz beim Aufbau ihrer Installation im Festsaal des Rathauses. Die Pritschen wurden mit Stroh und Dessous versehen – Anspielung auf ein Zwangsarbeiterlager, an dessen Standort ein Bordell entstehen soll.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Holzpritschen in Etagenbauweise, ausgelegt mit Stroh. Darin: Dessous mit roter Spitze. Ein Stilbruch im Festsaal des Rathauses – ein Stilbruch mit einer Botschaft. Die Installation stammt von der Geschichtswerkstatt der Oberschule am Leibnizplatz (Neustadt, 13. Jahrgang). Sie verbindet Geschichte mit aktuellen Diskussionen – und passte daher am Mittwochabend perfekt in die „Nacht der Jugend“, zu der wieder Hunderte von Jugendlichen ins Rathaus kamen.

Die Holzpritschen, sie erinnern an die Betten in Zwangsarbeiterlagern der NS-Zeit. Um diese Betten nachzubauen, haben die Schüler Details wie die Maße im Internet recherchiert, so Sarah Klatte (19) von der Geschichtswerkstatt. Durch Recherchen der Gruppe kam auch heraus, dass an der Duckwitzstraße 69 ein sogenanntes „Russenlager“ - ein Zwangsarbeiterlager für Kriegsgefangene aus dem Osten – stand. Die Duckwitzstraße 69 ist jüngst in die öffentliche Diskussion gekommen, weil dort ein Bordell eröffnen soll (wir berichteten). Mit ihrer Installation – Holzpritsche und Dessous - stellen die Schüler die Frage nach der Moral: Darf man dort ein Bordell eröffnen? Wären ein Supermarkt oder ein Burger-Lokal dort „moralischer“?

Die nunmehr 20. „Nacht der Jugend“ stand unter dem Motto „Wann, wenn nicht jetzt?“ Auf dem Programm: Musik und Theater, Tanz und Diskussionsrunden. Die „Nacht der Jugend“ erinnert an die Verbrechen der NS-Zeit und an die Reichspogromnacht. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland Synagogen und jüdische Geschäfte. Häuser und Wohnungen wurden demoliert, Juden misshandelt, verhaftet und umgebracht. Ehrengast im Rathaus war in diesem Jahr Dani Goren. Er ist 92 Jahre alt und lebt in Haifa (Israel). Goren hat die Pogromnacht als 13-Jähriger in Deutschland überlebt.

„Wann, wenn nicht jetzt?“ Moderatorin Irina Drabkina legte das Motto ganz aktuell aus – nicht zuletzt mit Blick auf die Erfolge der AfD bei der Bundestagswahl und die rechtspopulistischen Erfolge in vielen europäischen Ländern. „Wir müssen uns jetzt für Demokratie und Menschenrechte engagieren“, sagte Drabkina.

Nick Heilenkötter im Rathaus mit der Broschüre, in der die Anti-Diskriminierungs-AG das Leben des Werderaners Alfred Ries schildert. - Foto: Kuzaj

400 Jugendliche bereiteten das Programm das ganze Jahr über vor – unter ihnen Schülergruppen, Studenten und Vereine. Kammerchor und Orchester des Ökumenischen Gymnasiums (ÖG, Oberneuland) spielten zur Eröffnung der „Nacht der Jugend“ in der Oberen Rathaushalle.

Die Initiative „Hood Training“, die in Tenever (und andernorts) auf Sport zur Gewaltprävention und Förderung der sozialen Integration von Kindern und Jugendlichen setzt, baute im Festsaal eine mobile „Calisthenics“-Anlage auf. Wo sonst Reden zu hören sind, konnte man nun Klimmzüge machen. Das Bremer Team um Projektleiter Daniel Magel hatte Unterstützung aus Hamburg, Hannover, Essen, Wildeshausen und Oldenburg dabei. Geplant war ein Video-Dreh im Festsaal. „Das ist eine geile Location für einen Dreh.“

Magel berichtete, dass das Projekt weiter wächst – im Dezember zum Beispiel geht’s mit „Hood Training“ in Nordrhein-Westfalen los. Auch in Bremen selbst wächst das Projekt. 2018 sind unter anderem neue Ablagen an der Grohner Düne, in Gröpelingen und womöglich auch in Huchting geplant.

Sport war auch ein Thema auf der „Marmoretage“ vor dem Senatssaal. Dort stand die Anti-Diskriminierungs-AG des Fan-Projekts mit einem Werder-Thema. Die AG engagiert sich für die Erinnerung an Alfred Ries (1897 bis 1967). Ries, Jude, war Diplomat, Sportfunktionär und Werder-Präsident – auch 1965, als Werder erstmals Deutscher Meister wurde. Ries, der auch Geschäftsführer der Böttcherstraße gewesen ist, war in Bremen lange Zeit vergessen. Mit einer gründlich recherchierten Broschüre erinnert die AG des Fan-Projekts an Biografie und Lebenswerk eines weltoffenen Bremers.

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