„Mein Kunst-Stück“ mit Johann Christian Joosts „Folge“

Stählerne Balance

Johann Christians Joosts Stahlskulpturen halten die Balance. - Foto: Langkowski

Bremen - „Folge“ heißt Johann Christian Joosts Plastik, die er in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. „Folge“ ist eine Skulptur aus drei geschmiedeten Stahlquadern. Es zählt zu einer Reihe von Objekten, die entfernt an zwei Beine erinnern.

Einen Sockel bekommen die schrägen Plastiken von Johann Joost nicht. Stehen tun sie trotzdem. Alle haben ihre eigene Balance, selbst dann, wenn es optisch unmöglich scheint. „Die kleinen Quader sind eine Beschäftigung mit dem Thema Stehen“, sagt Joost, „zum Beispiel, mit beiden Beinen in der Welt zu stehen.“ Anfangs habe er sich am anatomischen Vorbild orientiert. Er begann mit einem Spielbein, einem Standbein und deren halbwegs realistische Anordnung. Mit „Folge“ löste der Bildhauer die vorherigen Proportionen komplett auf und verabschiedete sich vom figürlichen Bezug. In „Folge“ steht Plumpheit versus Balance. Die Spannung ergibt sich aus dem scheinbar stets gefährdeten Gleichgewicht. Bei näherer Betrachtung sieht es aus, als wolle der obere Teil langsam herabgleiten. Dieses Sanfte gefällt Joost an seiner Plastik.

Als Ausgangsmaterial verwendet der Bildhauer Halbzeuge aus Vierkantstahl. Seine früheren Schmiedearbeiten formte er noch aus geraden, dünnen Stahlstangen. Die Skulpturen wirken luftig. Später wurden sie verschlungener und selbst die Oberfläche bearbeitet. Joosts Weg zurück zum Quader brachte Ruhe in seine Plastiken. Den Handschmiedehammer ersetzte er durch einen mechanischen Hammer. Seine Abdrücke im Stahl hinterlassen eine glattere Oberfläche. Mit der reduzierten Oberflächenstruktur lassen sich die Arbeiten auch in große Plastik übersetzen.

Auf die Kunst gekommen ist der gebürtige Hamburger über die Musik. „Aber dann wollte ich irgendwas Vernünftiges in meinem Leben machen“, erzählt er und lacht. Mit dem Studium der Kunstgeschichte war er nicht zufrieden, und auch die zweidimensionale Umsetzung von Ideen in der Malerei gefiel ihm überhaupt nicht. „Das Dreidimensionale war mein Ding“, sagt er, „das ist wirklicher, als Bilder es sind.“ Von seinem damaligen Professor mit einer Stahl- und Goldschmiede blieb die Begeisterung für das Material. Stahl sei zwar widerspenstig, meint Joost, aber man müsse ihn aber nicht brechen oder zerstören wie Stein.

Für den Wahl-Bremer bietet Kunst eine Möglichkeit, etwas zu gestalten, was Ausdruck seiner selbst ist. Oft werde Geistiges in materialisierter Form greifbar. Man könne sich damit über Gestaltung persönlich entwickeln. Allerdings, so sagt Joost amüsiert, komme die Selbsterkenntnis manchmal später: „Mich verblüfft im Nachhinein oft, wie sehr die Werke ein Lebensgefühl einer bestimmten Zeit verkörpern.“ Auch der Betrachter von Kunst könne man im besten Falle etwas Ähnliches wie Erkenntnis finden.

Die große Herausforderung in der Kunst sei es, Anerkennung zu erhalten, wahr- und ernstgenommen zu werden. Zu den Künstlern, die für Joost besonders bedeutend sind, zählen der US-amerikanische Bildhauer Richard Serra und der Schweizer Alberto Giacometti (1901 bis 1966). Serra beeindruckt durch seine monumentalen Eisenplatten. Giacomettis langgliedrige Plastiken hingegen seien genial, weil sie aufgrund der menschlichen Wahrnehmung trotz direkter Nähe eine scheinbar unendliche Distanz erhalten.

Wenn Joost jemandem eine Skulptur als Botschaft schicken sollte, dann ginge eine Stahlskulptur unter dem Motto „Kultivierung auf Gegenseitigkeit“ an einen Gartenbaubetrieb. Denn jeden Morgen guckt der Künstler aus dem Fenster in seine „grüne Hölle“. Und so sehr ihn die Schönheit des üppigen Grüns erfreut, so sehr entsetzt ihn dessen Wachstum. „Das erfordert unerbittlich Sklavenarbeit“, meint er lachend. Joosts Idee: Der Gartenbaubetrieb, der die Grünpflege übernimmt, bekommt eine Plastik von ihm.

www.jcjoost.de

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