Handelskammer lehnt ab

CDU will Neustädter Häfen in Bremen zum Wohngebiet machen

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So könnte es werden – die CDU schlägt vor, den Neustädter Hafen in ein Wohngebiet umzuwandeln. Links unten im Bild: Lankenauer Höft.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Die Bremer CDU wagt mal was – und geht mit einem Vorschlag an die Öffentlichkeit, der für Diskussionen sorgen dürfte. Die CDU-Fraktion schlägt vor, den Neustädter Hafen zum Wohngebiet zu machen. Bis zum Jahr 2035 könne dort ein ganz neuer Stadtteil entstehen – mit Platz für 15. 000 Menschen, mit Kindergarten und Schule, Einkaufsmöglichkeiten und Gesundheitsversorgung.

Es gehe dabei um „bezahlbares Wohnen für Menschen mit Durchschnittseinkommen“, so CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp. Gerade diese Menschen würden Bremen verlassen und wieder mehr ins Umland ziehen. 2015 habe der Negativ-Saldo bei 2 500 Personen gelegen.

Bremen aber könne „nicht nur durch Migration wachsen“ und brauche die Familien mit Durchschnittseinkommen – nicht allein aus fiskalischen Gründen, sondern auch für seine Sozialstruktur. Einer Stadt, in der Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffen, fehlt die Mitte.

Und so fiel der Blick der CDU-Strategen auf den Neustädter Hafen – mit 100 Hektar ist das Gebiet „dreimal so groß wie die Galopprennbahn“, sagt Röwekamp. Jens Eckhoff, finanzpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, verweist auf die räumliche Nähe zum Zentrum und spricht von einem „Filetstück“ für Stadtentwicklung.

Ein Filetstück allerdings, das gegenwärtig ja auch genutzt wird. Unternehmen arbeiten hier, es werden Güter umgeschlagen. Röwekamp spricht von „stagnierenden Umschlagszahlen“. Der CDU schwebt vor, den Umschlag an die Küste zu bringen, sprich: nach Bremerhaven zu verlagern. Beim Offshore-Terminal (OTB) könne umgeplant werden, zudem gebe es die Luneplate. Anderen Unternehmen könnte Alternativen in Bremen angeboten werden – BLG Logistics etwa könne mit der Autozulieferung in den Gewerbepark Hansalinie ziehen und sei dort dann auch viel näher am Bremer Mercedes-Werk.

Die Botschaft ist klar: Alles ist möglich, wenn man es denn will. Aber wird Bremen aus einem Hafen tatsächlich einen weiteren neuen Stadtteil machen wollen? „Wir stehen am Anfang einer Diskussion“, sagt Röwekamp. Themen wie Hochwasser- und Lärmschutz müssten ebenfalls noch bedacht werden.

Ortsbesichtigung mit Jens Eckhoff (l.), finanzpolitischer Sprecher der CDU, und CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp.

Aber es gebe eben auch viele Vorteile. An erster Stelle: „Bremen ist schon Eigentümer der Flächen“, so Röwekamp. Für die CDU ist genau das der Schlüssel, tatsächlich zu vergleichsweise günstigen Grundstückspreisen zu kommen – um „mit Syke, Achim und Schiffdorf konkurrieren zu können“. Die Stadt solle die Flächen selber vermarkten und sie nicht gleich Bauträgern überlassen. Denkbar sei es auch, Flächen in Erbpacht zu vergeben. Ein Reihenmittelhaus würde nach CDU-Vorstellung knapp 300. 000 Euro, ein freistehendes Einfamilienhaus gut 500. 000 Euro kosten.

Würde – wenn es denn je dazu kommt. Erst einmal hat die CDU ablehnende Reaktionen bekommen. Die Handelskammer lehnt eine Umwandlung des Neustädter Hafens in ein Wohnquartier „entschieden ab“, so ein Sprecher. Bremen müsse wachsen und brauche neue Wohnquartiere, aber eben auch „mehr Gewerbeflächen und nicht weniger“. Es habe auch keinen Sinn, funktionierende Gewerbegebiete aufzugeben – insbesondere nicht „so wertvolle Flächen“ am „seeschifftiefen Wasser“.

Ähnlich die Reaktion bei BLG Logistics. Der Neustädter Hafen sei Europas größtes Terminal für Stück- und Schwergut – mit steigendem Umschlagvolumen in diesem Jahr, so eine Sprecherin. „Wir halten es für falsch, das aufzugeben.“

Die SPD hält die CDU-Idee ebenfalls für falsch. „Illusionen und Tagträume von neuen Stadtteilen ersetzen keine seriöse Bau- oder Wirtschaftspolitik“, so der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dieter Reinken. „Geht es nach der CDU, sollen die am Neustädter Hafen angesiedelten Betriebe und Unternehmen offenbar zwangsumgesiedelt werden.“

Kommentar von Redakteur Thomas Kuzaj

Die CDU macht es sich – und auch manchen ihrer Anhänger – nicht leicht. Wohnraum ist knapp in Bremen. Und dementsprechend teuer. Es gibt Menschen, die auf dieser Basis gute Geschäfte machen. 

Die CDU will dieses System nun unterlaufen, indem sie vorschlägt, aus den Neustädter Häfen einen komplett neuen Stadtteil zu machen. Mit Platz für bis zu 15 000 Menschen. Und mit dem Ziel, gerade Durchschnittsverdiener in nennenswerter Zahl in Bremen zu halten – um sie nicht ins Umland abwandern zu lassen.

Aus bremischer Sicht ist das klug, denn Bremen braucht eine stabile Mitte. Und nicht zuletzt auch das Geld, das diese Menschen in Bremens Kassen bringen. Aber, wie gesagt, die CDU macht es sich nicht leicht. Denn mit ihrem Vorschlag bringt sie auch Teile der Wirtschaft gegen sich auf.

Er kam tatsächlich postwendend, der Aufschrei: „Wir brauchen die Gewerbeflächen!“ Soll heißen: Wohnen in den Neustädter Häfen – das ist undenkbar. Basta.

Thomas Kuzaj

Das Ärgerliche an solchen eiligen Reaktionen ist nicht allein das starre Festhalten am Hergebrachten, sondern vor allem das Reflexhafte. Dem unbeteiligten Beobachter drängt sich der Eindruck auf, hier sei gar nicht erst lange nachgedacht worden. Wozu auch die Mühe? Hauptsache, der irre Vorschlag wird sofort abgelehnt. Und alles bleibt genau so, wie es ist.

Schade, dass die Handelskammer den Ball der CDU nicht aufnimmt und konstruktiv in die Diskussion einsteigt. Denn genau das ist es, was die CDU-Fraktion hier ins Spiel gebracht hat. Einen konstruktiven Vorschlag hat sie gemacht, wie er einer Oppositionspartei auch gut zu Gesicht steht.

Ebenso reflexartig die Reaktion der SPD, die der CDU „Illusionen und Tagträume von neuen Stadtteilen“ vorwirft. Bloß nicht auf den Vorschlag eingehen oder mal in Erwägung ziehen, was vielleicht für ihn sprechen könnte...

Es ist vermutlich illusorisch, so etwas zu erwarten. Die CDU macht es sich nicht leicht. Ihr – durchaus origineller – Vorschlag verdient es, ernsthafter diskutiert zu werden.

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