Staatsanwalt: „Russisches Roulette“

Prozess um angefahrenen Jungen: Anklage fordert fast sechs Jahre Haft

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Fast sechs Jahre Haft wegen versuchten Totschlags hat die Staatsanwaltschaft am Montag für den 28 Jahre alten Angeklagten (rechts) gefordert. Sein Verteidiger Temba Hoch (links) plädierte auf fahrlässige Körperverletzung. 

Bremen - Von Steffen Koller. War der schwere Unfall im Juni 2016, bei dem ein Schüler fast gestorben wäre, ein Versehen oder spielte der Angeklagte durch sein Verhalten mit dem Leben anderer? Für Staatsanwalt Ingo Radtke steht fest, der 28-Jährige „spielte Russisches Roulette“, als er die Ampelkreuzung in der Vahr bei Rot überfuhr, den Jungen erfasste und ohne ihm zu helfen davonfuhr. Er forderte am Montag vor dem Landgericht unter anderem wegen versuchten Totschlags fünf Jahre und neun Monate Haft. Die Verteidiger des Angeklagten sahen das anders, ihr Mandant sei wegen fahrlässiger Körperverletzung zu verurteilen.

Wie berichtet, legte der Angeklagte am Freitag ein umfassendes Geständnis ab. Am Montag bestätigte er die Angaben aus der schriftlichen Einlassung nochmals. Demnach sei er mit „normaler Geschwindigkeit“ an die Ampelkreuzung herangefahren und wollte wartende Autos auf der Linksabbiegerspur überholen. Im Fußgängerbereich erfasste er mit dem Auto den damals 13 Jahre alten Schüler. Trotz der für ihn ersichtlichen schweren Kopfverletzungen habe er sich „in Panik“ vom Unfallort entfernt und das Auto in einem Industriegebiet versteckt. Dem Jungen musste in einer Notoperation ein Stück des Schädels entnommen werden, die durch den Aufprall entstandenen Hirnblutungen waren lebensbedrohlich.

Für Staatsanwalt Ingo Radtke steht trotz „reuigen Geständnisses“ außer Frage, dass das Handeln des Mannes auf sein eigenes Fehlverhalten zurückzuführen sei. Gegen die angebliche Panik spreche, dass der Angeklagte noch abgerissene Autoteile eingesammelt habe, was auf eine „gewisse Abgeklärtheit“ hindeute. Weder am Unfallort noch später gegenüber anderen habe er sich gegen die Vorwürfe gewehrt – doch genau das würde man von einem unschuldigen Menschen erwarten, argumentierte Radtke.

„Sie haben Verletzungen anderer billigend in Kauf genommen“

Für den Staatsanwalt gibt es keinen Zweifel, dass der Angeklagte mit bedingtem Tötungsvorsatz handelte, als er, ohne den Kreuzungsbereich einsehen zu können, die Ampel überfuhr. „Sie haben Schäden anderer dem Zufall überlassen und Verletzungen billigend in Kauf genommen.“

Mit der anschließenden Fahrerflucht, die Radtke als die „schlimmste Form des unerlaubten Entfernens“ bezeichnete, habe der 28-Jährige „ganz weit weg vom gesellschaftlichen Konsens“ gehandelt. Zu den fast sechs Jahren Haft solle dem Mann eine vierjährige Sperrfrist zur Wiedererlangung des Führerscheins auferlegt werden, forderte Radtke.

Die Anwälte des Angeklagten, Temba Hoch und Martin Stucke, plädierten auf fahrlässige Körperverletzung ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen. Zudem solle der Haftbefehl gegen ihren Mandanten außer Vollzug gesetzt werden. Für Stucke sind die Vorwürfe „absolut absurd“. Zeugenaussagen seien ungenau, Angaben zur gefahrenen Geschwindigkeit des Mannes „böse geschätzt“.

Anwalt Hoch sagte, sein Mandant habe zwar einen Fehler begangen, ein versuchtes Tötungsdelikt daraus abzuleiten, sei jedoch „lebensfremd“.

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