Prozess vor Bremer Landgericht

Bei Anruf Abzocke: Falsche Polizisten vor Gericht - betroffene Seniorin sagt aus

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Gilt als Kopf der Bande: der Hauptangeklagte Hikmet K. (30, vorn) im Gespräch mit seinem Verteidiger Ladislav Anisic.

Bremen - Von Steffen Koller. Bei Anruf Abzocke: Seit März wird gegen vier Männer wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs vor dem Bremer Landgericht verhandelt. Mit der Masche „falscher Polizist“ sollen sie Senioren um ihr Erspartes gebracht und selbst Millionen gescheffelt haben. Doch nicht bei allen klappte der perfide Trick, wie eine Renterin am Dienstag schilderte.

Als am 19. August 2018, einem Sonntag, kurz vor 20.30 Uhr das Telefon der Rentnerin klingelt, ahnt die Frau nichts Böses. Am anderen Ende der Leitung stellt sich ein gewisser „Herr Steincke“ von der Polizei Magdeburg vor. 

Am Vortag, so erzählt es der vermeintliche Beamte in „perfektem Deutsch“, sei ein älteres Ehepaar ganz in ihrer Nähe überfallen und ausgeraubt worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass Dokumente über die 77-Jährige aus Gifhorn aufgetaucht seien, so der Mann am Telefon. Es gebe Hinweise, dass sie in Kürze selbst Opfer eines Überfalls werde. Am Folgetag, „Punkt 9 Uhr“, werde man sich zurückmelden.

Das tut der falsche Polizist dann auch. „Pünktlich auf die Minute“ klingelt abermals das Telefon der Frau. Das Gesprächsklima ändert sich, die Fragen des Anrufers – in Ermittlerkreisen auch „Keiler“ genannt – werden direkter. 

Letztlich wird die Seniorin aufgefordert, ihr Geld von der Bank abzuheben. Begründung: Den Bankmitarbeitern sei nicht zu trauen, sie seien in die Überfälle involviert. Merkwürdig sei es ihr schon vorgekommen, dass der Anrufer – mittlerweile ein „Herr Wagner“ – sie fragte, welche Kleidung sie tragen und welchen Weg sie zur Bank nehmen würde. 

Trotzdem hebt die 77-Jährige 20.000 Euro von ihrem Konto ab und macht sich auf den Heimweg. Dort angekommen, verhindern nur ein riesiger Zufall und die schnelle Reaktion einer Polizistin, dass die Frau das Geld an die Betrüger aushändigt. Da die Seniorin Parkplätze hinter ihrem Haus an die benachbarte Polizeidienststelle vermietet, spricht sie noch am Vormittag eine Beamtin an und fragt nach dem vermeintlichen Überfall vom Vortag. Der Polizistin ist davon jedoch nichts bekannt. 

Recherchen ergeben: Es gab nie einen Überfall. Wenige Minuten – die „Keiler“ telefonieren da bereits wieder mit der Zeugin – treffen Zivilfahnder am Haus der Frau ein. Die Beamten sind nun in der Wohnung und hören so das Telefonat mit. Die Anrufer werden nervös und fragen: „Kriegen Sie Besuch? Was machen Sie jetzt?“, erinnert sich die 77-Jährige. 

Bis etwa 14 Uhr dauert das Gespräch. Immer wieder fordern die Männer, die laut Ermittlern meist von türkischen Callcentern aus agieren, die Frau auf, am Telefon zu bleiben. Sie geben ihr Instruktionen, verbieten ihr aus dem Fenster zu schauen und fordern sie zur Verschwiegenheit auf: „Ich durfte nichts verraten. Das Gespräch wurde zuletzt richtig ruppig.“

Das Geld solle sie in eine blickdichte Tüte packen und dann außerhalb ihres Hauses deponieren. Doch statt mit Geldscheinen bestücken die Beamten die Tasche mit Zeitungspapier und platzieren sie neben einer Gießkanne. Vermutlich, weil er etwas bemerkt, greift der Mann nicht nach der Tasche und verschwindet in einem goldfarbenen VW. Dort klicken nach kurzer Verfolgungsjagd die Handschellen für den Fahrer (26) und „Abholer“ (29).

Zurück nach Bremen: Von dort sollen die Männer den Auftrag bekommen haben, sind sich die Ermittler sicher. Wie zwei Polizisten am Dienstag berichteten, hätten die Spuren zum jetzt Hauptangeklagten Hikmet K. (Türke, 30) geführt. Der auffällige VW war auf eine Bremer Logistikfirma zugelassen. Geschäftsführer des Unternehmens: Hikmet K. Neben ihm sind der mutmaßliche „Logistiker“ Seref G. (Türke, 25) und die beiden Abholer Marco B. (25) und Ingo R. (beide Deutsche, 47) angeklagt. Durch 14  Taten soll ein Gesamtschaden von rund 2,35 Millionen Euro entstanden sein.

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