„Sprungchance ins Leben“

Awo eröffnet WG für junge unbegleitete Ausländer in der Neustadt

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Die ehemaligen „Sonnenhaus“-Bewohner Sayd (l.) und Abulfazl in der Küche eines Zweier-Appartements der „JWG Buntentor“. 13 unbegleitete junge Ausländer ziehen jetzt in die neue Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt Bremen. 

Bremen - Von Viviane Reineking. Noch sind die hellen, weiß gestrichenen Räume unbewohnt, die Töpfe der kleinen Küchenzeilen in Folie eingeschweißt. Erst in wenigen Stunden ziehen die neuen Bewohner der Jugendwohngemeinschaften „JWG Buntentor“ in der Neustadt ein. 13 unbegleitete minderjährige Ausländer (Uma) sollen in der stationären Jugendhilfeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Bremen bei ihrer „Verselbstständigung“ unterstützt werden.

Sayd Jafari lächelt schüchtern, unsicher, ob er auch erwähnen darf: Mit mehreren Jugendlichen unter einem Dach zu leben, das sei nicht immer einfach gewesen. Aber viel gelernt habe er in den vergangenen zwei Jahren, die er in der ersten stationären Jugendhilfeeinrichtung der Awo, dem „Sonnenhaus“, gelebt habe. 2015 sei er ohne Eltern aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Auf ihn warteten nicht nur ein unbekanntes Land und eine fremde Kultur: „In Bremen bin ich dann zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben in eine Schule gegangen“, so der 18-Jährige.

Am Montagmorgen ist Sayd gemeinsam mit seinem ehemaligen Zimmergenossen Abulfazl Jafari (17 Jahre) erneut in den Buntentorsteinweg gekommen: In einem Neubau gleich neben dem „Sonnenhaus“ – hier leben 17 Uma in Wohngruppen – weihte die Awo die „JWG Buntentor“ ein.

Mit der neuen Einrichtung verfolgt die Awo nach Angaben von Sandra Grohnert, Fachbereichsleiterin „Jugend“, ein inklusives Konzept: Während anfangs in zwei Jugendwohngemeinschaften junge unbegleitete Ausländer leben, soll die Einrichtung später auch jungen Menschen „in besonderen Lebenslagen“ offenstehen, „die ein stabilisierendes Umfeld benötigen“.

Betreuung durch „erfahrenes, multikulturelles und fachlich versiertes Team“

Mit diesem Angebot steigt der Wohlfahrtsverband in Bremen nach eigenem Bekunden erstmals in die reguläre stationäre Jugendhilfe in Bremen ein. Bislang, so Grohnert, würden viele dieser Jugendlichen in Einrichtungen im Umland untergebracht. „Beide Zielgruppen werden voneinander profitieren und gegenseitigen Respekt und Toleranz lernen.“ „Wir reden nicht nur über Integration, wir leben sie auch“, so die Bremer Awo-Präsidentin Eva-Maria Lemke-Schulte.

In Zweier-Appartements mit Küchenzeilen leben die Jugendlichen in der „Buntentor-WG“. Sogar ein eigenes Bad gehört zu jeder kleinen Wohnung, „eine Besonderheit“ für Jugend-WGs, so die Awo. Betreut werden sie von einem „erfahrenen, multikulturellen und fachlich versierten Team“ um den Einrichtungsleiter Özgür Cömert im Betreuungsschlüssel 1:2, also einem Awo-Mitarbeiter für zwei Jugendliche. Aufgrund der Lage inmitten der Stadt sei auch ein Ansprechpartner in der Nacht vor Ort.

Das „Sonnenhaus“ sei bereits gut vernetzt im Stadtteil, eine Zusammenarbeit gebe es zum Beispiel mit der Schwankhalle und der Shakespeare Company sowie Kultur- und Sportvereinen. Davon solle auch die „JWG Buntentor“ profitieren. Vor allem aber sollen die Jugendlichen und jungen Männer unterstützt werden, in allen Bereichen selbstständig zu werden, sich zu versorgen, selbst zu kochen und mit einem festgelegten Budget zurechtzukommen, so Grohnert.

„Sonnenhaus“ als „Mustereinrichtung“

Eine „Sprungchance ins richtige Leben“ nennt Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) die Einrichtungen der Awo. Sie seien „so etwas wie ein Familienersatz“, so Sieling. Bei der Eröffnung zu Gast ist auch Wilhelm Schmidt, Vorsitzender des Präsidiums des Awo-Bundesverbandes. Das „Sonnenhaus“ sei eine „Mustereinrichtung“, die Angebote beispielhaft für die Vernetzung der verschiedenen Einrichtungsstufen – von der Erstaufnahme über die enger betreuten Wohngruppen und die lockereren WGs bis zum selbstständigen Wohnen.

Sayd und Abulfazl, die zwar den gleichen Nachnamen tragen, aber keine Brüder sind, haben diesen Schritt in das eigenständige Leben bereits gemeistert. Die Zeit im „Sonnenhaus“ hat beide zusammengeschweißt, gemeinsam haben sie eine eigene Wohngemeinschaft gegründet.

Während der 17-Jährige Abulfazl das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Huchting besucht und sich ehrenamtlich in der Organisation, etwa als Übersetzer, engagiert, hat Sayd sogar schon einen kleinen Job im „Funpark“, einem Jugendclub der Awo in Kattenturm, bekommen. Vier Stunden arbeitet er sonntags dort. Stolz, das ist deutlich zu merken, schwingt mit bei seiner Rede vor den Gästen, die zur Eröffnung gekommen sind.

www.awo-bremen.de

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