Überfall-Serie: Polizei schlägt „Wundermittel“ vor

Sprüh-DNA für Spielhallen

Bremen - BREMEN (kra). Sie hatten in die Mündung von Pistolen geschaut, ihnen waren Messer an den Hals gehalten worden, sie haben Angst und Schrecken ausgestanden. Für eine ganze Reihe von Mitarbeitern in Bremer Spielhallen endete die Tätigkeit vergangenes Jahr tragisch.

Sie wurden Opfer von Überfällen. Die Folgen, die traumatischen Erlebnisse wirken fast ausnahmslos nach. Und obwohl die Kripo Bremen mit einem umfangreichen Sofortprogramm reagierte, und die Anzahl der Überfälle auch deutlich abflaute, ist das Problem nicht wirklich gelöst.

Erst kürzlich setzte sich die Serie fort und gewann sogar eine neue Dimension. Erstmals war ein Gast Opfer eines Überfalls. Genauso wie die Aufsichtsperson war der Kunde in einer Spielhalle im Stadtteil Osterholz von den insgesamt drei kräftigen Tätern niedergeschlagen und mit Klebeband gefesselt worden. Grund genug für den Nordwestdeutschen Automaten-Verband, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Hansestadt fällt, weitere Maßnahmen zu beschließen. Deren Geschäftsführer Marcus Tangemann kündigte für die Jahreshauptversammlung am 18. Mai „Maßnahmen für Vorbeugung und Strafverfolgung an.“ Auch Polizeipräsident Holger Münch wird zu dieser Tagung erwartet.

Hinter den unspektakulären Begriffen auf der Tagesordnung und der hochrangigen Besetzung dürfte sich der Einsatz des Wundermittels namens „künstliche DNA“ verbergen, und hier vor allem die Sprüh-Substanz über Eingängen, die in Bremen in einem bundesweiten Pilotprojekt getestet wird. Tankstellen, die inzwischen über die DNA-Dusche verfügen und auch darauf mit einer entsprechenden Beschilderung hinweisen, sind in den vergangenen Monaten von Raubüberfällen komplett verschont worden. Allerdings dürften sich die hohen Anfangskosten im Bereich von 2500 bis 3500 Euro als Hürde erweisen. Lösungsmöglichkeiten sollen ebenfalls zwischen Polizei und Spielhallenbetreibern ausgelotet werden.

Der Einsatz jedenfalls macht Sinn. Die Raubüberfälle auf Spielhallen waren im vergangenen Jahr in astronomische Regionen angestiegen. Schlugen sich im Jahr 2008 noch 23 solcher Delikte in den Wachbüchern der Bremer Polizei nieder, so waren es in den zwölf Monaten darauf bereits rund 50. Eine Steigerung um mehr als hundert Prozent. Fast jede zweite Spielhalle war zwischen Januar und Dezember von Raubüberfällen betroffen.

Mit Berufsgenossenschaft und Automaten-Verband im Rücken startete die Kripo ein ungewöhnliches Vorbeugeprogramm. „Wir haben zunächst die Einhaltung der Unfall-Verhütungsvorschriften überprüft,“ erläutert der Leiter dieser Aktion, der Kriminalhauptkommissar Jürgen Schröttke, den Katalog, der in den zurückliegenden sieben Monaten abgearbeitet wurde. Die insgesamt 130 Spielhallen wurden auf ihre Video-Überwachung gecheckt, auf Sicherheitsmaßnahmen fürs Personal, auf vieles mehr. In einer zweiten Runde kamen die 20 am meisten gefährdeten Center auf den Prüfstand. Und immer wieder trafen die Beamten auf einen leichtfertigen Umgang mit Sicherheitsmerkmalen. „Da sind einige Verstöße gegen die Unfallverhütungsvorschriften mit Bußgeldern geahndet worden,“ sagt Schröttke.

In einem dritten Stepp wurde das Personal für die „Sondersituation Überfall“ vorbereitet. Deutlich mehr als hundert Mitarbeiter, darunter auch einige, die bereits überfallen worden waren, ließen sich in Lehrgängen der Polizei und des Weissen Rings schulen. Wichtigste Regeln für den Fall des Überfalls: Ruhe bewahren, die Hände ruhig auf dem Tresen lassen, den Anweisungen der Täter folgen, Tätermerkmale einprägen.

Zusätzlichen Polizei-Schutz aufzubauen, gilt indes als schwierig. „Die Brennpunkte liegen zwar auf der Hand, die erlebnisorientierten Stadtteile wie die Innenstadt oder die Neustadt waren hauptsächlich betroffen,“ sagt Polizei-Sprecher Gundram Köster, „aber das Täterprofil lässt sich nur schwer eingrenzen. Es waren Serientäter darunter, Einzeltäter, es war Beschaffungskriminalität die Ursache oder einfach nur Geldmangel. Auch von der Altersstruktur lässt sich kein genaueres Täterprofil herleiten.“

Handlungsdruck besteht dennoch. Die Hansestadt gehört nach Erkenntnissen des statistischen Bundesamtes zu den drei am meisten belasteten Metropolen der Republik hinter Frankfurt und Düsseldorf. Eine der Besonderheiten des Stadtstaates sei der Anstieg der Raubüberfälle auf öffentlichen Straßen mit einer Steigerungsrate von 22,7 Prozent. Und das Jahr 2009 geht noch nicht einmal als das raubeinigste in die Geschichte ein. „Täter in Bremen am sichersten“ schlagzeilte beispielsweise im Januar 2008 ein Nachrichtenmagazin. Für den Bremer Polizei-Präsidenten Münch gilt denn auch erneut dem Kampf gegen Raub und Einbruchsdiebstähle die höchste Aufmerksamkeit.

In Sachen Spielhallen-Überfällen scheute man nicht vor ungewöhnlichen Maßnahmen zurück. „Wir haben den Betreibern vorgeschlagen, eine Klingel draußen anzubringen und ansonsten die Türen verschlossen zu halten,“ sagt Schröttke. Das bemerkenswerte Ergebnis: „Zwar wurde zuerst mit Stirnrunzeln reagiert, aber es mehren sich die Anzeichen, dass Spielhallen mit Klingel nicht nur mehr Sicherheit bieten, sondern durchaus sogar die Umsatzzahlen nach oben gegangen sind.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Spuck- und Beißattacken: Familienstreit in Bremen eskaliert

Spuck- und Beißattacken: Familienstreit in Bremen eskaliert

Spuck- und Beißattacken: Familienstreit in Bremen eskaliert
FFP2-Maskenpflicht in Bremen: Diese Corona-Regeln gelten jetzt

FFP2-Maskenpflicht in Bremen: Diese Corona-Regeln gelten jetzt

FFP2-Maskenpflicht in Bremen: Diese Corona-Regeln gelten jetzt
Corona in Bremen: 2G-Plus-Regel soll bis Mitte Februar gelten

Corona in Bremen: 2G-Plus-Regel soll bis Mitte Februar gelten

Corona in Bremen: 2G-Plus-Regel soll bis Mitte Februar gelten
„Aktionsplan“ soll den Bremer Hauptbahnhof sicherer machen

„Aktionsplan“ soll den Bremer Hauptbahnhof sicherer machen

„Aktionsplan“ soll den Bremer Hauptbahnhof sicherer machen

Kommentare