SERIE MEIN KUNST-STÜCK Marietta Armena und ihr Bild „Erschießungsbefehl“

Die Sprache der Seele

Marietta Armena präsentiert ihr Werk „Erschießungsbefehl“. Foto: MESTER

Bremen - Von Christiane Mester. Auf sie ausgerichtete Gewehrläufe bedrohen eine Gruppe dicht an dicht gedrängter Menschen. Diese suchen Schutz unter dem erhobenen Flügel einer weißen Taube. Doch es hilft ihnen nichts. „Sie werden erschossen“, sagt Marietta Armena. Mit ihrem Werk „Erschießungsbefehl“ ist die 59-jährige Künstlerin Teil unserer Serie „Mein Kunst-Stück“.

Es sind kleine und große gesichtslose Gestalten, die da, in Acryl gemalt, zu Opfern werden. Alter, Geschlecht und Nationalität lässt Marietta Armena im Unklaren. Auch die Täter zeigt sie nicht, sie bleiben gänzlich unsichtbar. Nur Teile der Waffen, mit denen sie im Begriff sind zu töten, ragen in das Bild hinein. Das Werk gibt keinen Hinweis darauf, an welchem Ort sich die Bluttat wohl ereignet haben mag. So könnte es nahezu überall passiert sein. Und um diese Botschaft geht es der Malerin, die 1960 in Armenien geboren wurde.

Marietta Armena ist eine Künstlerin, deren Begabung früh erkannt und gefördert wurde. Im Alter von sieben Jahren gewann sie einen Preis bei einem Malwettbewerb, der ihr die Türen zu einer Kunstschule im armenischen Jerewan öffnete. Dass sie dort einen Platz bekam, sei eine Ausnahme gewesen, erzählt Armena. „Eigentlich musste man dafür 13 Jahre alt sein.“ Aber der Lehrer habe die Ansicht vertreten, dass ihr Talent frühzeitig in die richtigen Bahnen zu leiten sei. Der Onkel sei Opernsänger gewesen, der Cousin Regisseur, ein anderer Dirigent. „Musik, Dichtung, Zeichnen – das war nicht außergewöhnlich bei uns“, zählt die 59-Jährige auf, was ihre künstlerische Entwicklung schon als Kind beeinflusst habe.

1993 kam Marietta Armena nach Bremen. Das Studium der Klassischen Malerei hatte sie da gerade abgeschlossen und sich dann auf eine große Reise gemacht. An der Weser landete sie damals nur zufällig. Dass sie blieb und ein weiteres Kunststudium absolvierte, führt sie auf einen bestimmten Augenblick zurück. „Als ich hier einen Granatapfel sah, fühlte ich mich gleich zu Hause. Es ist das Symbol für meine Heimat Armenien.“ Ihre Familie lebt nach wie vor in Jerewan, der größten Stadt des Landes. Doch das war nicht immer so. „Eigentlich liegen meine Wurzeln in Van und in Mus“, sagt sie. Beide Städte gehören heute zur Türkei.

„Meine Großeltern wurden aus ihrer Heimat vertrieben“, bringt Marietta Armena ihre Familiengeschichte auf den Punkt. Das sei im Zuge des Völkermords an den Armeniern geschehen, der 1915 während des Ersten Weltkrieges unter Verantwortung der jungtürkischen Regierung im Osmanischen Reich vollzogen wurde. Über das Erlebte gesprochen hätten ihre Angehörigen jedoch nie. „Das Thema war bei uns verboten“, sagt die Künstlerin mit Blick auf die Porträts von Verwandten, die sie gemalt und bei sich aufgehängt hat. „Erst hier in Deutschland konnte ich mir erlauben, mich damit auseinanderzusetzen.“ Ein Ergebnis ihres Nachdenkens über die Vergangenheit ist das 2015 entstandene Werk „Erschießungsbefehl“.

Das Bild ist ein Zitat, das zurückgeht auf Francisco de Goyas Gemälde „Die Erschießung der Aufständischen“. Die Komposition des spanischen Malers wurde seit 1908 immer wieder von anderen Künstlern aufgegriffen. So verwendet etwa Édouard Manet denselben Bildaufbau für „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ (1867–1868) und Pablo Picasso bezieht sich in „Massaker in Korea“ (1951) ebenfalls auf die Konstruktion. Diesen und anderen von Goya inspirierten Werken ist gemein, dass sie jeweils ein bestimmtes kriegerisches Ereignis thematisieren. Auch Marietta Armena hat sich bei Goya bedient, als sie ihr Bild vor fünf Jahren anlässlich des armenischen Völkermord-Erinnerungstags malte. Allerdings ohne darauf erkennbar Bezug zu nehmen. Die Malerin, die der Ansicht ist, dass Kunst die internationale Sprache der Seele ist, wollte eine Aussage von übergeordneter Bedeutung treffen. Denn die bisherige Menschheitsgeschichtsgeschichte zeige, dass letztlich kein Land davor gefeit sei, Täter oder Opfer eines solchen Gewaltexzesses zu werden.

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