Ein Kommentar von Thomas Kuzaj

Unverständliche Lust an der Regulierung

Bremen - Ein Kommentar von Thomas Kuzaj. Die Lust an der Sprachregulierung zieht sich durch immer mehr Bereiche des Alltagslebens. Aus Studenten sind „Studierende“ geworden, aus Flüchtlingen „Geflüchtete“ (oder „Menschen mit Fluchterfahrung“). Auch die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) hat ausweislich einer dieser Tage verschickten Mitteilung zu Verkehrsbehinderungen durch den Bremen-Marathon keine Mitarbeiter mehr, sondern – eben! – „Mitarbeitende“. Nun ist der Schwerbehindertenausweis an der Reihe.

Bremen will eine Umbenennung dieses Ausweises in Deutschland vorantreiben. Im April hatte die Bürgerschaft den Senat einstimmig aufgefordert, sich im Bundesrat dafür einzusetzen. Bremens Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück schlägt den Begriff „Teilhabeausweis“ als „zeitgemäße Bezeichnung“ vor. Am Donnerstag, 28. September, gibt es eine öffentliche Anhörung zum Thema – um 15 Uhr im Haus der Bürgerschaft.

Aber was ist eine „zeitgemäße Bezeichnung“? Und warum soll es die alte Bezeichnung nicht mehr sein? Steinbrück verweist darauf, dass unter Jugendlichen „behindert“ oft als Schimpfwort verwendet wird. In seiner Dienststelle hätten sich Menschen gemeldet, die sich durch den Begriff „Schwerbehindertenausweis“ diskriminiert fühlen. Der neue Begriff rücke „nicht mehr das Defizit einer Person, nämlich die Behinderung, sondern die Teilhabe in den Mittelpunkt, die verbessert werden soll“.

Niemand darf diskriminiert werden, richtig. Deshalb wäre es wichtig, (jungen) Menschen, die „behindert“ für ein angemessenes Schimpfwort halten, unmissverständlich klar zu machen, dass das nicht geht. Durch die Umbenennung drückt man sich genau davor – im wohligen Gefühl, die Welt durch ein weiteres neues Wort verbessert zu haben.

Es ist aber zu bezweifeln, dass die vielen sprachlichen Neuschöpfungen tatsächlich so gut sind wie die oftmals wohlmeinenden Absichten, die hinter ihnen stecken. Sprache entwickelt sich durch Gebrauch, nicht durch Regulierung, Verbote und vielfach ungelenk wirkende „korrekte“ Begriffe – die zuweilen das, wovon eigentlich die Rede sein sollte, auch noch verschleiern.

Thomas Kuzaj

Rubriklistenbild: © Mediengruppe Kreiszeitung / Thomas Kuzaj

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