Sozialwissenschaftliche Weiterbildung ist für Sergej Götz ein Weg aus der Krise

Eintrittskarte fürs Studium

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Dass er einmal an der Hochschule Bremen „Soziale Arbeit“ studieren würde, hätte sich Sergej Götz nicht träumen lassen.

Bremen - Von Viviane Reineking. Wenn Sergej Götz heute auf seinen bisherigen Lebensweg zurückblickt, schüttelt der 35-Jährige ungläubig den Kopf. Als Zwölfjähriger kam er aus Russland nach Emden. Mit 22 drohte ihm wegen Beschaffungskriminalität das Gefängnis. Jetzt studiert er „Soziale Arbeit“. Die Eintrittskarte für sein Studium an der Hochschule Bremen: ein Zwei-Jahres-Kurs am Zentrum für Arbeit und Politik (Zap) der Universität Bremen.

Lange Zeit war es für den jungen Mann aus Krasnoturjinsk in Russland schwer, sich in der fremden Gesellschaft und ohne Deutschkenntnisse zurechtzufinden. Mit den Vorurteilen und Diskriminierungen, die ihm damals entgegenschlugen, kam er nicht zurecht. „Ich fühlte mich ausgeschlossen“, so der 35-Jährige. Nach seinem Realschulabschluss begann er unter anderem ein Berufsbildungsgrundjahr „Elektronik“ und arbeitete im Hafen.

Während seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr wurde bei ihm eine Hepatitis-C-Erkrankung festgestellt, zugleich kämpfte er mit Drogenproblemen – das Ende für seine Bundeswehr-Zeit. „Wegen Beschaffungskriminalität wurde ich mehrmals verurteilt“, so Götz. Das Gefängnis blieb ihm erspart, weil er sich in eine Therapie begab. Es folgten Rückfälle, erneute Therapieversuche. „Ich bin fast obdachlos geworden, hatte Scham- und Schuldgefühle.“ Die Bemühungen einer Oldenburger Fallmanagerin des Jobcenters und der frühe Tod seines Vaters, der in Folge seiner Alkoholprobleme verstarb, sorgten für die Bereitschaft, noch einmal Hilfe anzunehmen. Bei einer Präventionsveranstaltung lernte er das Projekt der „Wilden Bühne“ in Bremen kennen, ein Theaterensemble ehemals drogenabhängiger Menschen.

So kam er auch in Kontakt mit dem Landesinstitut für Schule (LIS), wo er als Honorarkraft Maßnahmen zur Drogenaufklärung in Schulen unterstützte. Die soziale Arbeit machte ihm Spaß, doch man riet ihm, die Hochschulreife nachzuholen. „Noch einmal die Schulbank zu drücken, das hätte ich aber nicht geschafft“, ist sich Götz sicher. Umso glücklicher ist er, als er vom Zap hört. Dessen Angebot, über eine nebenberufliche sozialwissenschaftliche Weiterbildung die Hochschulreife nachzuholen, bot ihm die Möglichkeit, sich weiterhin bei der „Wilden Bühne“ und im LIS zu engagieren.

Die Weiterbildung am Zap zeigte ihm neue Perspektiven auf. „Es war spannend, mit unterschiedlichen Menschen zu diskutieren. Trotz meiner Geschichte wurde ich dort sehr gut angenommen“, so Götz. Sich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen, das empfand der 35-Jährige aus der Nähe von Jekaterinenburg bereichernd. Schwierig war dagegen das Lesen und Verstehen der wissenschaftlichen Texte. „An den Herausforderungen während der Weiterbildung bin ich aber gewachsen.“ Biografische Arbeit, Themen aus Ökonomie, Politik und Gesellschaft sowie Alltag und Kultur gehörten ebenso zu den Modulen wie ein Forschungsprojekt.

Der Kurs startet in diesem Jahr bereits zum 28. Mal und richtet sich an Erwachsene unterschiedlichen Alters aus verschiedenen Berufsgruppen und Kulturen, die gesellschaftspolitische Zusammenhänge verstehen und wissenschaftliches Arbeiten erlernen möchten. Mit dem Zertifikat können Teilnehmer bestimmte Fächer studieren. „An der Uni Bremen sind dies Politikwissenschaft, Soziologie, Public Health, Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft und Philosophie sowie Integrierte Europastudien“, so Dr. Frank Meng, einer der beiden Zap-Dozenten. „An der Hochschule Bremen können Absolventen neben Sozialer Arbeit im Internationalen Studiengang Politikmanagement sowie Pflege- und Gesundheitsmanagement studieren.“

Voraussetzung ist eine zweijährige Berufsausbildung oder eine fünfjährige Berufstätigkeit. Die Weiterbildung findet einmal pro Woche von 18 bis 21 Uhr statt, alle sieben Wochen an Sonnabenden (10 bis 16 Uhr) und enthält drei einwöchige Bildungsurlaube. Die Kosten betragen 600 Euro. Am Infoabend am Dienstag, 21. Juli, stellt das Zap sein Angebot vor und informiert über Fördermöglichkeiten. Der Kurs startet am 13. Oktober. Bewerbungsschluss ist am Freitag, 31. Juli. „Aber auch Nachzügler haben noch eine Chance“, so Meng.

Sergej Götz betrachtet die Weiterbildung als einen „persönlichen Gewinn und ein Riesengeschenk“: „Ich habe eine neue Sichtweise auf die Menschen, die Gesellschaft und die Welt bekommen.“ Nach seinem Studium kann sich Götz gut vorstellen, mit Jugendlichen zu arbeiten.

www.zap.uni-bremen.de

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