Sozialpädagoge Jürgen Kattner arbeitet in der Asylunterkunft Bayernzelt

Leben statt schunkeln

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Im Bayernzelt an der Neuenlander Straße ist Platz für 230 Asylbewerber. Das Festzelt, das sonst auf dem Freimarkt steht, dient vorübergehend als Notunterkunft.

Bremen - Von Matthias Dembski. Es ist warm im Bayernzelt. So warm, dass Jürgen Kattner im T-Shirt auf der Empore sitzen kann, wo während des Bremer Freimarktes sonst die Kapelle spielt. Seit Anfang Dezember steht das Zelt, in dem ansonsten auf Volksfesten das Bier in Strömen fließt, an der Neuenlander Straße unweit des Bremer Flughafens und beherbergt bis zu 230 Asylbewerber. Aktuell sind es knapp 150. Leben statt schunkeln ist hier angesagt.

Juergen Kattner

„Weit draußen und schlecht angebunden“, war der erste Gedanke von Kattner, der die Notunterkunft leitet. Aber es kam anders. „Es hat sich schnell rausgestellt, dass die Flüchtlinge hier gerne wohnen, weil es hier drinnen auch mitten im kalten deutschen Winter angenehm ist“, berichtet der 44-jährige Sozialpädagoge. Obwohl: Stressfrei ist das Zusammenleben im Zelt nicht. Und der Arbeitstag von Kattner ist kaum planbar. Zwischen Behördenkontakten und Technikmanagement geht es ihm deshalb vor allem darum, eine gute Atmosphäre zu schaffen. „Wir haben eine eigene Küche vor Ort. Ein Dach überm Kopf, Wärme, zur Ruhe kommen – viel mehr wünschen sich unsere Bewohner erstmal nicht.“ Obwohl das Zelt natürlich eine Notunterkunft bleibe, mit allen Nachteilen. Leichtbauwände trennen die nach oben offenen Mehrbett-Zimmer. Irgendwo spielt jemand Gitarre, und es klingt, als ob im ganzen riesigen Zelt ein Radio läuft. Bis Ende Mai bleibt die Notunterkunft stehen. Danach geht das Bayernzelt wieder auf die Jahrmärkte. „Wir haben vor allem Puffer-Plätze für die Zentrale Erstaufnahmestelle in Bremen. Wenn Flüchtlinge dort ankommen, schickt man sie für ein bis zwei Nächte erstmal zu uns, bevor sie erfasst sind und anderswo einen Wohnplatz bekommen.“ Außerdem ist die „Bayern-Festhalle“ Ausweichquartier für Zelt-Bewohner aus der Überseestadt. „Und hier leben dauerhaft junge Flüchtlinge, bei denen sich herausgestellt hat, dass sie nicht mehr minderjährig sind“, ergänzt Kattner. Doch die meisten Asylsuchenden sind nur kurz hier. Oft werden die Flüchtlinge schnell krank, sagt Kattner. „Zum Glück gibt es Notfallkrankenscheine“, meint er und fügt hinzu: „Die Flüchtlinge werden ja erst registriert und haben noch keine Krankenversicherungskarte.“

Mit einem Taxiunternehmen gibt es einen Beförderungsvertrag, so dass sie schnell zum Arzt kommen, wenn sie nicht selber gehen können. „Ich wollte die Situation der Flüchtlinge nicht nur am Fernseher erleben, sondern selber etwas für sie tun“, erzählt der Sozialpädagoge, der viele Jahre in der Behindertenhilfe gearbeitet hat. Wie ein Arbeitstag abläuft, wisse sein Team nie. Manchmal müsse man alles stehen- und liegenlassen und sofort handeln.

Zwischen Behörden- und Arztkontakten, logistischen und technischen Fragen gilt es auch, Streitigkeiten unter den Bewohnern zu schlichten. „Aber in aller Regel blicke ich in freundliche, entspannte Gesichter, wenn ich durchs Zelt gehe.“ Die Welle nachbarschaftlicher Hilfsbereitschaft hat das achtköpfige Bayernzelt-Team überrascht. „Der Flughafen, Airbus und Aerospace haben uns mit Spenden vom PC über die Büroausstattung bis zum Aufbau von Internet-Verbindungen unterstützt.“ Auch die benachbarte Kirchengemeinde unterstütze. Trotzdem: Für viele Menschen seien Asylbewerber noch immer weit weg, weil sie ihnen nicht begegneten. „Bei uns kann man erleben, wie dankbar sie für Hilfe und Zuwendung sind. Wir sind hier mit Leib und Seele dabei, weil unsere Arbeit sinnvoll ist.“

epd

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