Team der Hafenbar „Golden City“ und Fans bilden ein Quarantäne-Orchester

„SOS“ in drei Teilen und Vierecken

Ein Blick in die Haushalte: Die Bremer haben Spaß mit dem Intro von „SOS“. Das „Golden-City“-Quarantäne-Orchester legt los. Foto: GOLDEN CITY

Bremen - Von Martin Kowalewski. Ein ungewöhnliches Intro: Das Geräusch einer Zahnbürste, ein Nagel wird eingeschlagen, eine Frau spielt Nasenflöte durch eine Atemschutzmaske. Ein munterer Einstieg zu Gitarre und Flöte. Das Klanggeschehen schwillt an. Bald sind mehr als 20 Musiker zu sehen – ein multiperspektivischer Einblick in Zimmer in Bremen und „umzu“. Das „Golden-City“-Quarantäne-Orchester spielt „SOS“ von „Abba“.

Dabei leisten 80 Fans der temporären Hafenbar „Golden City“ daheim ihren Beitrag. Sie schickten 140 Beiträge zu den drei Teilen, in die der Song aufgeteilt wurde, an das Team des „Golden City“. Zu den Teilen gab es Erklärvideos mit Rohmaterial als Begleitung und Noten. Das zusammengeschnittene Ergebnis kann sich sehen lassen. Einige Musiker tragen Perücken und haben sich ordentlich in Schale geschmissen. Ein Mann tritt im Look der Band „Kiss“ auf: Das Gesicht ist weiß geschminkt. Schwarze, zackige Muster umgeben Augen und Mund. Die Kleidung ist schwarz mit weißen Nieten. An der Wand hängen E-Gitarren. Seine Arme bewegen sich in Richtung der Kamera, dann an die Schläfen. Das versinnbildlicht die Textstelle „I tried to reach for you, but you have closed your mind“. Eine ähnliche Geste macht auch eine von zwei Frauen, die in dem Bildausschnitt darunter singen.

In einem anderen Viereck der Bildfläche spielt ein älterer Herr Akkordeon. Im Bildausschnitt darunter singt ein Mann mit Sonnenbrille umgeben von Disco-Licht. Im Refrain ist ein Gesicht zu sehen. Der Mann liegt. Die Augen sind unten im Bildausschnitt, allerdings bedeckt. Unter dem Kinn, oben im Bildausschnitt, hält der Mann die Augen: groß und kugelrund aus ausgeschnittener weißer Pappe oder Papier mit aufgemalten schwarzen Punkten als Pupillen. Realität und Comic scheinen zu verschmelzen. Ein witziger Anblick. Auch die musikalische Seite des Clips ist rund: Die vielen Stimmen harmonieren prächtig. Takt und Einsätze stimmen.

Frauke Wilhelm (55), Leiterin der wegen Corona nicht geöffneten und nicht eingerichteten temporären Hafenbar „Golden City“, ist begeistert von dem großen Engagement, den Outfits und den schick eingerichteten Heimstudios.

„Es haben ganz viele ausgesprochen schön gesungen“, sagt Wilhelm. Nur bei fünf Prozent der Stimmen habe man die Tonhöhe etwas korrigiert. Am Anfang der Corona-Krise habe sich das „Golden-City“-Team gefragt, wie man den Geist der „Lokalrunde“ ins Netz verlagern kann, ein Musikabend, bei dem jeder mitsingen kann und der zu etwa 40 Prozent Menschen aus dem Umland anzieht. Der Song „SOS“ von „Abba“ sei ohnehin gerade von der Hausband geübt worden.

„Der Song eignete sich von der Aufteilung, er hat einen einfachen Rhythmus und ist einfach von den Noten und es ist ein Song, den jeder kennt“, sagt Wilhelm. Zudem passe er in die Gegenwart. Sie habe mit dem Zusammenschnitt der Erklärvideos und des Endprodukts 18 bis 20 Tagwerke verbracht. Für das Sound-Mastering arbeitete das „Golden City“ mit einem Pop-Musik-Produzenten zusammen. Ein Profi musste ran, um die Mosaike mit den Filmaufnahmen so zu gestalten, dass gerade Linien entstehen.

Das Team plant schon das nächste Lied für die „Lokalrunden“-Besucher daheim. Es soll ein deutschsprachiger Song sein, besonders passend für das Publikum. Das Projekt soll im Juni starten. Informationen dazu gibt es auf der Homepage des „Golden City“. Dort befindet sich auch ein Spendenaufruf für die Arbeit des Ensembles.

Ohne Spenden sei das kommende Projekt nicht machbar, so Wilhelm. Die temporäre Hafenbar wird in diesem Jahr nicht öffnen. Eigentlich sollte diese auf dem ehemaligen Kellogg-Gelände in die Big-Pack-Abfüllhalle ziehen. Ein Ort mit Platz für 70 bis 100 Personen, in Corona-Zeiten aber nur für zehn bis 14   Personen, sagt Wilhelm. Das sei zu wenig. Ein weiteres Problem: Auch die Sponsoren haben wegen der Corona-Krise Probleme. Auf die wird es aber auch im nächsten Jahr ankommen. Wilhelm, dass das „Golden City“ dann wieder öffnet, kann aber keine Prognose machen.

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