Auch Tokio ist in Reichweite

Sixdays-Favorit Nils Politt träumt vom Sieg bei Paris-Roubaix

+
Gefletschte Zähne und Zunge raus: Das sind die Markenzeichen von Nils Politt (rechts, hier im Duell mit Theo Reinhardt).

Bremen - „Irgendwie kriege ich das nicht weg. Wenn ich beim Rennen so richtig unter Strom stehe, fletsche ich die Zähne und strecke die Zunge raus. Die Konkurrenten meinen dann, dass ich kaputt wäre. Aber das Gegenteil ist der Fall. Dann geht es erst richtig los“, sagt Nils Politt, der sich bei saumäßigem Wetter am wohlsten fühlt: „Regen, Kälte, schlechter Untergrund – da bin ich in meinem Element.“

In Bremen hat er es bei den Sixdays unter dem warmen Hallendach der ÖVB-Arena sehr viel angenehmer. Und der 25-Jährige genießt auch das: „Ich brauche die Abwechslung zur Straße. Da sind, gerade im Trainingslager, die Einheiten doch sehr stupide. Aber im November und Dezember muss das so sein, denn da wird die Ausdauer-Grundlage gelegt.“

Sixdays-Einsätze sind eher selten, weil die Straßen-Teams just in dieser Zeit ihre Trainingslager rund um den Globus beziehen. Nach der Pleite seines alten Rennstalls Katusha übernahm der kanadische Milliardär Sylvain Adams die Lizenz und führt das Profiteam nun unter dem Namen „Israel Start-Up Nation“ weiter. Adams, der sein Vermögen mit großen Bauprojekten gemacht hat, ist ein bunter Vogel in der Szene. So ließ er unter anderem in Tel Aviv von der Firma von Lütcken aus Osterholz-Scharmeck, die auch die Bremer Bahn aufbaut, ein völlig neues Oval erstellen. Zudem investierte er sehr viel Geld, um Pop-Ikone Madonna zum letztlich gefloppten Gastauftritt beim Eurovision Song Contest zu locken. „Sylvain ist ein cooler Kerl. Der schaut auch mal im Trainingslager vorbei und fährt selbst sogar mal mit“, weiß Politt zu berichten.

Der Kölner durfte seinen alten Rennstall nicht verlassen, weil er einen auch für 2020 gültigen Vertrag unterschrieben hatte. „Nach der Katusha-Pleite hatte ich mehrere Angebote, durfte aber nicht wechseln. Mittlerweile ist das okay, weil mir das neue Team viel Rückhalt gibt“, erklärte Politt. Sogar etwas stolz mache es ihn, dass er für die kommende Saison zum Klassiker-Kapitän des Teams bestimmt wurde.

Und diese Klassiker hat er fest in sein Herz geschlossen („für Rundfahrten mit Bergetappen bin ich mit meinen 80 Kilo zu schwer“). Besonders Parix-Roubaix in Frankreich (auch die „Hölle des Nordens“ genannt), das viele seiner Berufskollegen bis aufs Blut hassen, hat es ihm angetan. Im vergangenen Jahr machte Politt auf den vielen Pflasterstein-Abschnitten so richtig auf sich aufmerksam und wurde Zweiter. „Dafür gab’s den mittleren Pflasterstein – quasi als Pokalersatz. Ich möchte aber unbedingt noch den großen Pflasterstein holen – das wär’s“, lautet eines der Ziele für das laufende Jahr.

Gute Platzierungen bei den Klassikern werden für ihn aber immer schwerer. „Mittlerweile bin ich bekannt. Wenn ich den Arsch aus dem Sattel hebe, geht sofort einer aus den anderen Teams mit“, meint Politt, der in diesem Jahr drei, vier Helfer an seiner Seite haben wird, um vergangene Erfolge zu wiederholen oder sogar zu toppen.

Und dann gibt es natürlich noch den Traum von den Olympischen Spielen in Tokio. Etwas dumm ist nur, dass die direkt nach der Tour de France stattfinden, wo Politt auf alls Fälle am Start sein dürfte: „Ich bin mir noch nicht sicher, ob mir die Strecke in Japan liegt. Wenn ich aber nominiert werde, nehme ich auch teil, denn so eine Chance bekommt man vielleicht nur einmal im Leben.“

Privat ist Politt seit gut einem halben Jahr ein ganz anderer Mensch – nicht der Fighter vor dem Herrn. Und der Grund heißt Lilly. Die erblickte am 19. Juli 2019 das Licht der Welt. „Das war keine gute Planung, denn das war mitten in der Tour“, schmunzelt Politt, um dann hinzuzufügen: „Vor der Geburt war ich gar nicht ich selbst, weil ich nur an meine Frau gedacht habe. Danach war alles wie weggeblasen, denn in der letzten Tour-Woche war ich bei den Etappen stets in den Spitzengruppen dabei.“

Von der Spitze darf er zusammen mit Partner Kenny de Ketele auch in Bremen träumen. Obwohl nicht gerade bahnerfahren, schlug sich Politt am ersten Abend achtbar und verlor nur eine Runde auf die Spitze. Und kämpfen kann er auch unterm Hallendach, denn die gefletschten Zähne mit herausgestreckter Zunge waren wieder zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Amtsenthebungsverfahren - Trump: Würde gern hingehen

Amtsenthebungsverfahren - Trump: Würde gern hingehen

Teenager träumen eher von traditionellen Jobs

Teenager träumen eher von traditionellen Jobs

Kreuzfahrten: Wie umweltfreundlich und vertretbar sind sie wirklich?

Kreuzfahrten: Wie umweltfreundlich und vertretbar sind sie wirklich?

So beugen Sie dem Hexenschuss vor

So beugen Sie dem Hexenschuss vor

Meistgelesene Artikel

Ärger nach Trecker-Demo: Bauern beseitigen Spuren des Protests

Ärger nach Trecker-Demo: Bauern beseitigen Spuren des Protests

770 Herren, 30 Damen, kein Senatsmitglied: Weiterhin Kritik am Bremer Eiswettfest

770 Herren, 30 Damen, kein Senatsmitglied: Weiterhin Kritik am Bremer Eiswettfest

Gold und Dramatik

Gold und Dramatik

„Sieg Heil“-Rufe im Hauptbahnhof Bremen- Polizei nimmt 26-Jährige fest

„Sieg Heil“-Rufe im Hauptbahnhof Bremen- Polizei nimmt 26-Jährige fest

Kommentare