Online-Stars im Rampenlicht bei den Sixdays Bremen

Der Bibi-Effekt

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Tobende Massen, hunderte Selfies, kreischende Teenies. Bibis Beauty Palace und Julienco

Bremen - von Heinrich Kracke. Innerhalb nur eines Jahres hat sich der Kidsday bei den Sixdays vom braven Kindergeburtstags-Image zur Experimentierschmiede entwickelt. Die Online-Stars stehen plötzlich im Rampenlicht.

Der Spuk dauerte höchstens eine halbe Stunde. Tobende Massen, hunderte Selfies, kreischende Teenies. Und plötzlich nichts mehr. Alle weg. Die Halle, die eben noch vor Menschen zu bersten drohte, leer. Vor elf Monaten spielte sich diese Erscheinung mitten in Bremen ab. Nachwuchsradler drehten ihre Runden, sie hatten noch nie vor so viel Publikum ihre Runden gedreht, und als alles vorüber war, drehten sie immer noch ihre Runden und taten das in der gespenstischen Atmosphäre einer leeren Halle.

Ein Orkan namens Bibis Beauty Palace war gerade über die Bremer Sixdays hinweg gezogen. Ein Tornado aus dem Internet, aus der Online-Branche. Und hinterher war nichts mehr wie es war. „Wir werden weiterhin auf Youtube-Stars setzen, gewiss, das ist die einzige Möglichkeit, die Zielgruppe der Zehn- bis Zweiundzwanzigjährigen anzusprechen,“ sagt Theo Bührmann. Bei den Bremer Sixdays ist der 32-Jährige für das Showprogramm verantwortlich. „Aber wir werden es anders tun, als wir es bisher getan haben. Wir haben in den vergangenen elf Monaten dazugelernt.“

Theo Bührmann

Bei den Erwachsenen ist die Sache einfacher. Mickie Krause heizt auf der Hauptbühne ein. „Zehn nackte Friseusen“ oder „Ich glaub, hier ist schon wieder Alkohol im Spiel“, und schon tobt die Halle, sie hat immer getobt, zumal Freitag und Sonnabend kurz vor Mitternacht, und diesmal ganz besonders. Die Sixdays-Veranstalter möblieren für den Veranstaltungsmarathon vom 14. bis 19. Januar den Innenraum um, sie holen die Bühne aus der Kurve und stellen sie mitten in die Halle. Mickie praktisch unter seinen Fans. Er zum Anfassen. Mittendrin statt nur dabei. „Wir versprechen uns damit noch mehr Stimmung“, sagt Theo Bührmann, „und wir geben dem sportinteressierten Publikum auf der Tribüne eine bessere Sicht auf die Bahn.“

Das wird auch beim Kidsday am Sonnabendnachmittag nicht anders sein. Bühnen lassen sich nicht so leicht verschieben. Und dennoch birgt der Nachmittag Risiken. Anders als bei den Erwachsenen ist das, was einst als Kindertag nett und artig und mit Luftballons Eingang in die ausgelassene Radwelt fand, es ist längst zum Versuchslabor für die Zukunft geworden. Munter drauflos experimentieren, so heißt die Maxime. Anders als bei Bibis Kosmetiktipps allerdings nicht mehr völlig ohne Netz und doppelten Boden. Mike Singer & Ado Kojo werden auf der Bühne stehen. Nie gehört? Immerhin kann man sie hören. Singer ist Sänger und Ado Kojo auch.

Tickets für die Sixdays

Mike Singer und Ado Kojo

Mike Singer ist 16. „Nur mit dir“ heißt einer seiner abertausendfach auf Youtube angeklickten Titel. „Lass uns gehen, lass uns gehen, Baby nur mit dir!“, gibt er mit außergewöhnlicher Stimme zum Besten, „keine andere die mich interessiert. Baby folge mir, denn heut' zählen nur wir zwei! Warum noch warten? Komm' mit mir! Lass uns um die Häuser ziehen.“ Bei den Kölner Video-Days spielten er und Ado Kojo vor ausverkauftem Haus. Wer die Zuhörer sind, ist schnell klar. In den Internetforen geht es zwar in erster Linie um das Aussehen der beiden Herrschaften, in zweiter Linie wäre aber auch noch eine nicht ganz unwichtige Frage zu klären: Müssen Erziehungsberechtigte, die einen zum Konzert begleiten, müssen sie den vollen Ticketpreis zahlen?

Ein nebliger Dezember-Vormittag, ein Bremer Café. Nein, er trägt kein Basecap, obwohl es ihm vielleicht sogar zu Gesicht stehen würde, er erscheint in Wintermantel und Anzug. Der Bart sauber gestutzt. Eine Tasse Kaffee, ein Glas stilles Wasser. Und der Zustand der heutigen jungen Leute das Thema. Ihm mit seinen 32 Jahren ein noch nicht  ganz fernes Thema, aber dennoch irgendwo eine fremde Welt. „Der Trend geht weg von den Musicacts, er geht hin zu den Online-Stars,“ sagt Theo Bührmann. „Die älteren werden verschwinden, wir stehen an der Schwelle zu einer ganz neuen Ära.“ Bibis Kosmetiktipps seien das beste Beispiel. „Zehntausend junge Erwachsene aus dem Häuschen. Das ist genial.“

Wahrscheinlich hat damals die ältere Generation genauso gestaunt wie er jetzt staunt. Damals, das ist 20 Jahre her. „Ich war damals zwölf,“ sagt Theo Bührmann, „Michael Jackson war mein großes Idol. Vielleicht auch verrückt, aber er konnte was. Er konnte singen. Er hat die Charts erobert.“ Und was kann Bibi? Nein, sagt Bührmann, er müsse sich an die neuen Stars gewöhnen.

Kidsday bei den Sixdays Bremen

Dass es keine Eintagsfliegen sind, eine Internet-Größe allein vielleicht, wie es auch früher schon jede Menge One-Hit-Wonder zu bestaunen gab, aber insgesamt die neue Branche nicht, das erlebt er oft genug zu Hause. „Mein Neffe ist zwölf. Für ihn gibt es nur noch die digitale Welt. Nichts anderes mehr.“ Und mehr noch: Junge Leute sind es gewohnt, das zu sehen, was sie wollen und wann sie wollen. Kann man beklagen, gewiss, kann man aber auch akzeptieren.

Bührmann akzeptierts. Und nun braucht er nur auf Youtube oder einem der anderen Onlinedienste die meistgeklickten Musiker herauszusuchen, und schon steht das nächste Programm für die nachwachsende Generation? „Da muss man die Kanäle schon sehr genau im Auge behalten. Was heute ein Superstar ist, kann morgen schon nicht mehr gefragt sein.“ Ginge es nur um den Kindernachmittag beim Sechstagerennen, sie würden diese Detailfragen wahrscheinlich vernachlässigen. Aber auf Dauer wird es um die Zukunft der größten Bremer Veranstaltungsstätte gehen, der ÖVB-Arena. Dort einen Trend zu verschlafen, hieße, Publikumsströme abzuschneiden. Also haben sie sich zu einer ungewöhnlichen Maßnahme entschlossen. Junge Leute stöbern seither im Auftrag des Geschäftsbereichs Messe Bremen durch die Kanäle. Viel geht nicht mehr verloren.

Gewonnen ist damit allerdings auch noch nicht viel. Denn wie kriegen junge Menschen mit, dass ihre Stars in der Stadt sind? Facebook-Nachrichten posten, bis die Finger qualmen? What's Apps schicken, bis der Arzt kommt? „Wird gemacht, funktioniert aber nur bedingt,“ sagt Theo Bührmann. Er muss es wissen. Im vergangenen Oktober präsentierte die ÖVB-Arena Online-Superstars im halben Dutzend. Auch Bibi darunter. Doch was nur neun Monate zuvor zehntausend auf die Beine brachte, läpperte sich jetzt lediglich auf knapp 3000.

Die Erklärung liefert wieder Kosmetik-Ikone Bianca Heinicke. Vor einem Jahr schon. Erst als sie in einem ihrer Videos verriet, beiläufig verriet, sie sei demnächst live zu sehen, sie komme nach Bremen, setzte der Hype ein. Innerhalb weniger Stunden waren die Server beispielsweise von Nordwest-Ticket zusammengebrochen. Klartext: Allein die Onlinestars habe es in der Hand, ihre Fans zu mobilisieren, niemand anderes. „Sie üben eine bemerkenswerte Macht auf ihre User aus,“ sagt Bührmann, „die meisten gehen verantwortungsvoll damit um.“

Problem jedoch: Wer auf Youtube ein Superstar ist, der muss nicht unbedingt zur schweißtreibenden Tournee durch die Lande starten, um ein Superstar zu bleiben. Er kann weiterhin auf dem weichen warmen heimischen Sofa sitzen, und hat dennoch sein finanzielles Schäfchen im Trockenen. Den Werbeeinnahmen sei dank. Grund genug für Bührmann, auch in diesem Punkt vorzubeugen. Wer in Bremen live auftritt, der verpflichtet sich gleichzeitig zur Eigenwerbung in seinen Videos.

Bleibt nur noch die Frage, ob mit den Onlinestars tatsächlich schon der allerletzte Schrei entdeckt ist. „Wahrscheinlich schwappt als nächstes die Welle der Spielezuschauer zu uns herüber,“ sagt Bührmann, „in Asien füllen Onlinespiele wie Minecraft ganze Stadien. Die Leute schauen einfach nur zu.“ Eine Wirkung, die offenbar auch schon andernorts erkannt wurde. Minecraft wurde in Schweden entwickelt, vor anderthalb Jahren wurde es von Microsoft aufgekauft. Für angeblich 1,9 Milliarden Euro.

Onlinestars in Bremen

Onlinestars und YouNow Award

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