Im Alterssimulationsanzug „Gert“

Plötzlich ein Greis - Reporter im Selbstversuch

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Jana Feuerschütz, Ergotherapeutin am Klinikum Bremen-Ost, und „Gert“ sind ein eingespieltes Team. In wenigen Minuten sitzt der Alterssimulationsanzug. Und unser Reporter Steffen Koller ist nicht mehr 32 Jahre jung, sondern ganz schnell Ende 60.

Es gibt Verabredungen, auf die freut man sich. Und es gibt welche, bei denen ist einem übel vor Aufregung. Wieder andere rufen gemischte Gefühle hervor. So ging es mir auch, als ich ein Date am Klinikum Ost hatte. Ein Date mit „Gert“, dem Alterssimulationsanzug der Geriatrischen Station. Auf einmal ein Greis, so fühlte ich mich. Zum Glück nur für wenige Stunden. Doch die haben gereicht.

Bremen - Ganz still liegt er da. Als wolle er sagen: „Freu' Dich nicht zu früh.“ Die Einzelteile fein säuberlich in einem Koffer verstaut, erwartet mich „Gert“. „Wird bestimmt nicht so schlimm“, denke ich. Doch als Jana Feuerschütz, Ergotherapeutin am Klinikum Ost, mich fragt, ob ich denn Wechselsachen dabei hätte, ahne ich Böses. „Nein“, antworte ich. „Brauche ich denn welche?“ „Wäre gut“, so ihre knappe Antwort.

Sie wird Recht behalten. „Gert“ fordert einen, und das nicht zu knapp. Innerhalb weniger Minuten und mit noch weniger Handgriffen wird jeder, der die Einzelteile des Anzugs über Knie, Hals, Ellenbogen, Handgelenke, Oberkörper und Füße zieht, etwa 30 bis 40 Jahre älter. Altern mit ein paar Klettverschlüssen. Langsam wächst die Anspannung.

Knüppelharte Übung für Körper und Geist

Was zunächst nach einem entspannten Tag aussieht, entpuppt sich schnell als knüppelharte Übung für Körper und Geist. Etwas hilflos, die Gelenke sind nun künstlich versteift, lautet die erste Aufgabe: Treppen laufen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Nicht im Ansatz. „Gerade machen“, ruft Jana Feuerschütz. „Und wieder rauf.“ „Etwas schneller, bitte“, sagt die Ergotherapeutin, doch bei mir kommen nur gedämpfte Worte an. Riesige Kopfhörer machen es möglich. So langsam ahne ich, dass ein frisches T-Shirt goldrichtig gewesen wäre. Im zwölften Stock des Klinikums herrschen fast 30 Grad, allein die Weste, die Übergewicht simulieren soll, wiegt etwa 20 Kilo. Das hatte ich mir definitiv angenehmer vorgestellt. Der Körper will – doch er kann nicht. Ein mieses Gefühl. „Bloß weg damit“, denke ich mir. Doch das war erst der Anfang.

Zucker in eine Tasse schütten. Was soll da schon daneben gehen? Einiges. Besser gesagt: alles.

Diabetische Retinopathie, Pigmentosa, Makuladegeneration – diese Begriffe hatte ich nie zuvor gehört. Jetzt bin ich an ihnen erkrankt. Sechs verschiedene Brillen simulieren sechs verschiedene Sehstörungen. Es wird düster, milchig, fleckig. Dabei dachte ich, die Skibrille vom ersten Versuch wäre eigentlich genug. Ich weiß, ich kann jederzeit aufhören, alles abbrechen. Hunderttausende von Menschen in Deutschland können das nicht. So langsam wird mir bewusst, womit viele alte Menschen leben. Und ich weiß auch: Eine Übung wird noch kommen. „Sie haben jetzt einen Tremor“, sagt Feuerschütz ganz trocken. Sie zieht mir Handschuhe an – verkabelte Handschuhe. Zwei Aufgaben warten. Aufgaben, die so simpel klingen, dass sich kaum ein Mensch mit Anfang 30, so wie ich, darüber ernsthaft Gedanken machen würde.

Alt werden ist nichts für Feiglinge

„Schütten Sie Wasser ins Glas“, lautet die Anweisung der Ergotherapeutin. „Wenn‘s nur das ist“, denke ich. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Diese Aufgabe wird kein Kinderspiel. Zumindest nicht für mich. Feuerschütz dreht an einem Regler, Stromstöße ziehen durch meine Hände. Alles zittert, alles vibriert. Anstatt das Wasser ins Glas zu befördern, landet der Großteil auf der Tischplatte. Ein paar Tropfen gehen ins Glas. Der Rest fließt kreuz und quer Richtung Boden. Das gleiche Spiel von vorn. Jetzt mit Zucker. Ich versage erneut – und der Tee bleibt ungesüßt.

Knapp zwei Stunden isoliert und abgekapselt von der Umwelt – ich hoffe, dieses Schicksal liegt noch in weiter Ferne. Alt werden kann schön sein, doch es ist nichts für Feiglinge, wie einst schon Schauspielerin Mae West anmerkte. Ich weiß jetzt, was sie damit meinte.

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