Prozess um zerstückelte Leiche: Zeugen zweifeln an Suizid-Theorie

Selbstmord? „Niemals“

Rätsel bleiben: Der 65-jährige Angeklagte gab bislang lediglich zu, den Körper seines Nachbarn zerteilt zu haben. Links neben ihm: Anwältin Arnike Duensing. Foto: KOLLER

Bremen - Von Steffen Koller. Hat ein 65-Jähriger seinen Nachbarn (50) erschossen und die Leiche zerteilt? Noch immer sind im Prozess am Bremer Landgericht viele Fragen offen. Was für ein Mensch war der Tote? Gab es Streit zwischen Opfer und mutmaßlichem Täter? Hatte der 50-Jährige womöglich Selbstmordgedanken? Die Kammer hörte am Dienstag insgesamt sechs Zeugen – keiner würde dem Opfer einen Suizid zutrauen.

Die Zeugen beschreiben das Opfer als „freundlich“, als „nett“ und „hilfsbereit“. Sein ganzer Stolz, das hört man aus den Vernehmungen der Zeugen heraus, sei seine Tochter gewesen. Er habe sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich ein geregeltes Leben zu führen.

Weg vom Heroin, weg vom Alkohol. Arbeit und Alltag – eben ein „ganz normales Leben“, sagt ein Zeuge (46) vor Gericht. Der Mann lernte Angeklagten und Opfer vor Jahren kennen. Mit beiden habe er sich immer gut verstanden. Man redete über die kleinen Dinge des Alltags, aber auch über die wichtigen Dinge des Lebens.

„Ein herzensguter Mensch“ sei der 50-Jährige gewesen, „ein Lieber“. Der jahrelange Konsum von Alkohol und Heroin habe ihn fertiggemacht, ja. Aber Selbstmord? „Nein, beim besten Willen nicht. Niemals“, sagt der Mann. Es ist eine Aussage, die von vielen Zeugen getroffen wird an diesem Verhandlungstag. Der Tote hatte Probleme, aber einen Suizid schließen alle aus.

Viele der Zeugen eint nicht nur, dass sie zusammen mit dem Opfer zur selben Substitutionsstelle in Bremen-Nord gegangen sind, um sich dort den Heroin-Ersatzstoff Methadon abzuholen, sondern auch, dass sie wohl die letzten Personen waren, die Kontakt zum 50-Jährigen vor dessen Tod hatten.

Das Gericht las die Verbindungsdaten seines Handys aus und kam so auf die Zeugen. Sie alle telefonierten kurz vor oder am möglichen Tattag noch mit ihm oder trafen ihn persönlich. Dann brach der Kontakt schlagartig ab.

Zwischen dem 9. und 10. September, so die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, soll der 65-jährige Angeklagte seinen Nachbarn erschossen und im Anschluss seine Leiche zerstückelt haben. Einige Teile habe der Mann in Mülltonnen, andere in Kühltruhen und auf seinem Balkon aufbewahrt. Angeklagt ist er wegen Totschlags und Störung der Totenruhe. Nach einem rechtlichen Hinweis des Gerichts kommt aber auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht.

Der Angeklagte selbst hatte eingeräumt, die Leiche des Mannes zerstückelt zu haben. Erschossen habe der 50-Jährige sich jedoch selbst – entweder versehentlich oder weil er des Lebens müde war. Dafür hat es aber laut Zeugen nie Anzeichen gegeben.

„Er war glücklich, er hatte Pläne“, sagt ein Mann (42), der direkt über dem Toten wohnte. Eine weitere Zeugin (52) schildert, der 50-Jährige habe gesagt, er habe noch so viel vor, er wolle „clean“ werden. „Er wollte noch so viel mit seiner Tochter unternehmen.“

Den Angeklagten hingegen beschreiben die Zeugen mal als „freundlich“ und „sehr intelligent“, mal sinngemäß als manipulativ. „Er ist so klug, dass er Vorteile für sich schaffen kann“, sagt der Nachbar des Toten.

Aufschluss über das Seelenleben des Angeklagten wird wohl nur ein psychiatrisches Gutachten liefern können. Dieses ist für die kommenden Verhandlungstage geplant.

Ein Urteil soll laut Gericht noch im Juni fallen.

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