Schussexperiment im Gericht

Prozess um zerstückelte Leiche: Staatsanwältin prüft Selbstmord-These

Leichenteile in Kühltruhen und Mülltonnen: Die Ermittler wurden in der Wohnung des Angeklagten (Mitte) fündig. Getötet haben will der 65-Jährige seinen Nachbarn jedoch nicht. 
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Leichenteile in Kühltruhen und Mülltonnen: Die Ermittler wurden in der Wohnung des Angeklagten (Mitte) fündig. Getötet haben will der 65-Jährige seinen Nachbarn jedoch nicht.
  • Steffen Koller
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Bremen – Mit einem ungewöhnlichen Experiment ist am Dienstag der Prozess gegen einen 65-jährigen Mann vor dem Bremer Landgericht fortgesetzt worden. Der Angeklagte soll seinen Nachbarn erschossen und im Anschluss die Leiche zerteilt haben. Laut eines Gutachtens trat die Kugel dabei aus einer bestimmten Entfernung in den Kopf des Opfers ein. Um dies zu veranschaulichen, legte die Staatsanwältin selbst Hand an den Revolver an.

Handschuhe und Lineal

Einweghandschuhe, ein Lineal und die mögliche Tatwaffe – mehr brauchte es nicht, um den Prozessbeteiligten zu veranschaulichen, was der Rentner selbst als mögliche Todesursache ins Spiel gebracht hatte. Der 65-Jährige – angeklagt wegen Totschlags, Störung der Totenruhe und Drogenhandels in großem Stil – hatte zu Verhandlungsauftakt behauptet, sein 50 Jahre alter Nachbar habe sich am 9. oder 10. September vergangenen Jahres versehentlich oder aus Suizidabsicht erschossen.

Im Anschluss zerteilte er nach eigenen Angaben aus Angst, die Polizei würde eine in seiner Wohnung befindliche Cannabisplantage entdecken, die Leiche seines Nachbarn und versteckte die Körperteile an verschiedenen Orten. Der tödliche Schuss muss dabei, so ein Gutachten des Bundeskriminalamtes, aus einer Entfernung von mindestens 30 und maximal 60 Zentimetern erfolgt sein (wir berichteten). Doch kann das stimmen, zumal die Eintrittswunde direkt waagerecht unter dem rechten Ohr des Toten gefunden wurde?

Um das mögliche Tatgeschehen zu rekonstruieren, nahm Staatsanwältin Nadine Hartmann selbst die mögliche Tatwaffe in die Hand, dazu ein Lineal mit exakt 30 Zentimetern Länge. Sie spannte den Hahn des Revolvers, richtete die Waffe waagerecht zu ihrem Ohr und drückte ab. Zwar hätte sich in dieser Position tatsächlich ein Schuss lösen können, jedoch sei der beim Opfer vorgefundene Einschusswinkel so „recht schwer“ nachvollziehbar.

Ein Versehen?

Zu sehr habe sie ihr Handgelenk verdrehen müssen, schilderte es die Staatsanwältin. Ein versehentlich abgefeuerter Schuss beim Spannen des Hahns sei zudem nicht möglich, weil sich am Revolver selbst eine Art Schutzmechanismus befinde, der es unmöglich mache, dass der Hahn zurückspringe und so den Schuss auslöse.

Um der Frage eines möglichen Selbstmordes des Toten nachzugehen, befragte die Kammer zusätzlich weitere Zeugen aus dem näheren Umfeld des Angeklagten sowie des Opfers. Ein Mann (59), der beide seit rund 20 Jahren kenne, schloss einen Suizid aus. Er gehe vielmehr von einem „eiskalt geplanten Mord“ des 65-Jährigen aus. „Er wusste, was er tat.“ Wie sehr das Gericht seiner Aussage Glauben schenken kann, bleibt zumindest zweifelshaft – Spekulationen, Erinnerungslücken und eine persönliche Abneigung gegenüber dem Angeklagten waren während seiner gesamten Aussage spürbar. So sagte er unter anderem: „Er musste über Dinge die absolute Kontrolle haben. Hatte er das nicht, wurde er aggressiv.“ Später revidierte er den Begriff „aggressiv“, nannte den 65-Jährigen lediglich „dominant“.

Drogengeschäfte

Weitere Zeugen bestätigten zudem, dass beide Männer in Drogengeschäfte verwickelt waren. So soll das Opfer regelmäßig mit Heroin gedealt, der Angeklagte mit Tabletten und Cannabis gehandelt haben. Ob aus den illegalen Geschäften mögliche Probleme entstanden sein könnten, vermochte keiner der Zeugen zu beurteilen. Worin sich jedoch – wie am vergangenen Verhandlungstag auch – alle Zeugen einig waren: Das Opfer hatte keine Selbstmordgedanken. Im Gegenteil: „Er wollte seine Therapie durchziehen, ein neues Leben beginnen.“

Von Steffen Koller

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