Bühnenfassung von „Ziemlich beste Freunde“ feiert Premiere im Packhaustheater

Schnörkelloses Mienenspiel

Seine Freunde warnen ihn noch, „die Jungs aus der Vorstadt kennen kein Mitleid“. Doch genau das will Philippe (Gregor von Holdt) auch nicht. Mit Driss (Hans-Jürgen Helsig) findet er einen engagierten Hilfspfleger und einen „ziemlich besten Freund“. - Foto: Packhaustheater

Bremen - Von Steffen Koller. Zwei Außenseiter, zwei vollkommen unterschiedliche Lebenswelten – und doch verbindet das Duo so viel: „Ziemlich beste Freunde“ feierte am Donnerstagabend im Packhaustheater Premiere und zeigte eindrucksvoll, wie innig eine Beziehung werden kann, wenn man all seine Vorurteile über den Haufen wirft. Rührend, witzig – und gefeiert mit minutenlangem Applaus.

Selten war das Fehlen einer Sache so ausschlaggebend für den Verlauf einer Geschichte: Mitleid. Es ist genau das, was Phillipe (Gregor von Holdt) so oft spürt, was er nicht mehr ertragen kann, was ihn einfach nur ankotzt. Es sind diese Begegnungen, wenn staatlich geprüfte Pfleger seine Luxusvilla in Paris betreten, ihm sagen, sie würden „behinderte Menschen wirklich mögen“ und mit einem Grinsen ergänzen, dass genau diese „Personen zu nichts mehr in der Lage“ seien. Angesichts seines Schicksals, vom Hals an gelähmt zu sein, würde sich Philippe wohl oft wünschen, sich einfach eine Kugel in den Kopf zu schießen. Wäre er dazu in der Lage, wer weiß, er hätte es wohl getan. Ironie des Schicksals, dass er es doch nicht tut.

Es scheint auch Schicksal zu sein, dass er in seiner depressivsten Phase auf Driss (Hans-Jürgen Helsig) trifft, der eigentlich – wie so oft – nur eine Unterschrift fürs Arbeitsamt benötigt. Schnell wieder weg, keine Verantwortung übernehmen, lieber in den Vorstädten Leute ausrauben oder Autos klauen. Doch es kommt anders, ganz anders. Schnell kommen sich die beiden näher, werden ziemlich beste Freunde. Basierend auf dem gleichnamigen Kinofilm von Olivier Nakache und Éric Toledano, der allein in Deutschland neun Millionen Zuschauer erreicht hat, schafft es das Stück von Regisseurin Martina Flügge, große Nähe zum Publikum aufzubauen. Schnell versteht man die Lebenswelten der beiden Protagonisten.

Das liegt auch oder vor allem daran, dass Helsig und von Holdt ihre Rollen mit einer Authentizität spielen, die beide Seiten dieses Stückes großartig zum Tragen bringt. Es sind diese Szenen, in denen plumper, aber auch schelmischer Humor aufeinander trifft und das Publikum aus dem Lachen kaum noch herauskommt.

Und es sind die kleinen Gesten, die schnell zeigen, dass Hilfspfleger Driss das Herz am rechten Fleck hat, wenn er Philippe nach einem Krampfanfall liebevoll in den Arm nimmt, ihm ohne großen Pathos das Gefühl gibt, für ihn da zu sein, egal, was kommen möge. Beiden lernen voneinander, der eine Verantwortung zu übernehmen, der andere, seinem Leben und auch der Liebe eine zweite Chance zu geben.

„Ziemlich beste Freunde“ besticht durch Nuancen und auch durch das schnörkellose Mienenspiel von Holdts. Während Helsig in vielen Szenen in dicker Daunenjacke vor das Publikum tritt und ihm der Schweiß nur so vom Kopf tropft, schafft es von Holdt trotz aller menschlicher Reflexe, den Charakter eines Querschnittsgelähmten überzeugend rüberzubringen. Kurzum: „Ziemlich beste Freunde“ ist eine rührende gesellschaftliche Metapher, die es sich unbedingt lohnt, anzuschauen.

Das Stück steht zunächst bis Ende Juli im Packhaustheater auf dem Spielplan.

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