Ein Interview im Schaukelstuhl

„Hab mich im Schlafanzug ins Studio gestellt“

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Schné singt beim „Bundesvision Song Contest“ für Bremen.

Bremen - Von Pascal Faltermann - Tack. Tack. Tack. Das Herz schlägt noch so intensiv, dass sie den dumpfen Rhythmus vermutlich im Ohr hören kann. Die Musikerin Schné kommt von der Bühne, voll beladen mit Emotionen, bis unter den Scheitel gefüllt mit Adrenalin und Freude. Zehn Minuten bleiben, um – klick – umzuschalten. Von Herz auf Kopf.

Schné, die eigentlich Henrike Krügener heißt, präsentiert für Bremen morgen, am Freitag, den Song „Alles aus Liebe“ beim „Bundesvision Song Contest“ in Berlin. Im Interview erzählt die 26-Jährige über den Wert von Liebe. Sie lässt sich auf uns ein – entspannt mit ruhigem Puls am morgen nach einem Auftritt auf dem Bremer Marktplatz.

Wie war Ihr Auftritt gestern Abend?

„Wunderschön. Wir haben zum „Tag der Zivilcourage“ gespielt und die Leute sind stehen geblieben. Ich finde, man kann am Laufpublikum gut sehen, wie es den Leuten gefällt, weil niemand umsonst stehen bleibt. Es sind unglaublich viele stehen geblieben. Ich habe in glückliche Gesichter geschaut und mich sehr gefreut.

Das Wetter passte zu Ihrer „Nordpol-Popmusik“. Es war recht kalt.

Es war eiskalt. Als ich ankam, hat unser Gitarrist zitternd vor der Bühne gestanden. Ich hab mich etwas wärmer angezogen, weil ich wusste, es ist Open-Air und ich friere immer so schnell.

Wie ist es, Telefoninterviews zu geben? Das machen Sie kurz vor dem Bundesvision Song Contest sicher häufiger?

Ja, gestern Abend das Letzte im Zug direkt vor dem Auftritt.

Und jetzt, was machen Sie während des Telefonates?

Jetzt habe ich es mir richtig gemütlich gemacht. Wenn ich kann, dann möchte ich richtig Zeit und Ruhe haben. Ich setzte mich in den Schaukelstuhl und schaue in den Garten, damit ich mich auf den Gesprächspartner einlassen kann. Im Zug, das war eine Ausnahme. Aber es gab keinen anderen Termin mehr.

Bereiten Sie sich auf Gespräche vor?

Überhaupt nicht. Ich bereite mich insgesamt weniger vor, als die Leute es meinen. Auch bei großen Auftritten wie bei TV Total. Natürlich probe ich den Song, aber ich wusste nichts über die Fragen, die Stefan Raab mir stellen würde. Das ist eigentlich gut, weil man ins kalte Wasser springt. Ich kann mich selbst überraschen und es langweilt mich nicht, weil ich irgendeinen Text abspule.

Stefan Raab meinte in der Sendung, Ihr Song sei gut und habe Hand und Fuß. Glauben Sie, es ist nur eine Phrase oder mag er das Stück?

Ich glaube, dass er es ernst meint. Er ist ein unglaublich netter Mensch hinter den Kulissen. Er kam nach der Sendung in einer ruhigen Minute zu mir und sagte, dass er echt Chancen sehe für den Song.

Bereiten Sie sich auf Freitag vor? Kann man das überhaupt?

Eigentlich nicht. Naturgesetz ist, dass der Song stimmen muss. Innerlich bereite ich mich so darauf vor, dass ich versuche, zwischen den Terminen und Konzerten wieder zu meiner Mitte, zur Ruhe zu finden. Denn es ist doch so, dass darin die ganze Kraft liegt. Wie im Sprichwort.

Wie machen Sie das? Ab in den Schaukelstuhl und in die Natur schauen?

(Lacht) Genau. Manchmal ist es ganz einfach. Ich habe hier überall Schaf-Felle liegen, es ist sehr gemütlich bei mir Zuhause. Ich bin in letzter Zeit leider nur selten da, aber wenn, dann genieße ich es in vollen Zügen, mache mir einen Kakao oder irgendwas. Ich brauche nicht viel, vielleicht einen langen Spaziergang oder ich höre ruhige Musik.

Als Lesumerin, die ihr Album in Bremen Nord aufgenommen hat, leben Sie etwas ländlicher. Suchen und finden sie dort ihre grünen Flecken?

Ich habe vorher in Findorff und in Hamburg gewohnt und bin erst seit dem 1. September hier. Das ist ein ganz anderes Gefühl. Für mich ist es am Stadtrand richtig toll. Viele Leute wollen das so nicht und sagen, dass sie in der Stadt sein müssen. Ich nicht. Mein Leben ist spannend und bunt genug. Ich brauche nicht nachts um drei ne Baustelle vor meiner Tür, die dann losrattert.

Brauchen Sie diese Ruhe, um Songs zu schreiben?

Meistens ist es gar nicht so. Am Morgen meines Umzuges, als um 9 Uhr das Umzugsteam und meine Freunde kommen wollten, bin ich um 6 Uhr aufgewacht und hatte einen Song im Kopf. Da habe ich gedacht: „Oh nein, bitte nicht jetzt.“ Alles stand voller Kartons. Ich habe mich schlaftrunken im Schlafanzug mit der Gitarre in mein kleines Studio gestellt und alle Spuren eingespielt. Das ist manchmal eine ganze schöne Tortur, weil ich ich mich auch einfach hätte im Bett umdrehen können.

Wie ist dieser Moment? Hatten Sie gleich Melodie und Text im Kopf?

Bei den wirklich guten Songs, die später auch zu einer eigenen Größe gelangen, ist meistens beides gleichzeitig da. Aber das ist unterschiedlich. Manchmal ist erst die Melodie, manchmal erst das Thema da.

Ihr Song für den Bundesvision Song Contest, „Alles aus Liebe“, beinhaltet die Zeile „Alles aus Liebe ohne Bedeutung, wie ne Story aus der Zeitung“. Haben Sie ein so schlechtes Bild von Zeitungen?

Das hat was mit den Medien zu tun und auch etwas mit dem Wert von Liebe, der uns heute verkauft wird. Es ist ein Verkaufswert geworden. Es ist eine kleine ironische Bemerkung. Heute muss man nur irgendeine Frau fragen, was sie romantisch findet und sie sagt: „Joa, eine Pralinenschachtel, einen Blumenstrauß und dass mein Mann nicht den Hochzeitstag vergisst“ - das sind alles Werbesymbole für Romantik geworden, das ist eine kulturelle Prägung, aber an das, was Liebe wirklich bedeutet, kommt das einfach nicht heran. Ich kritisiere ein bisschen augenzwinkernd damit, dass viele Leute sich auf das verlassen, was die Werbung ihnen suggeriert, was Liebe sei, ohne dass sie selbst auf die Suche gehen.

Und warum vergleichen Sie es dann mit der Zeitung?

Weil es sich gereimt hat. Also fast. Eigentlich ist es ein bisschen antiquiert, Zeitung zu sagen, denn wer in meinem Alter liest noch eine Zeitung? Die meisten Leute sind bei Facebook oder Konsorten unterwegs. Ich fand es witzig, denn ich nehme gerne Sachen in meine Texte, die nicht so auf den ersten Blick ersichtlich sind.

Das merkt man an den Texten...

Joa, das habe ich schon öfter gehört ...

Pflegen Sie Ihren Facebook-Account eigentlich selbst?

Ja ... auch.

Bisher gibt es auf ihrem Künstlerprofil etwa 550 Likes. Nach dem Bundesvision Song Contest sollten es mehr sein.

Das hoffe ich. Letztendlich ist mir das egal. Ich schaue da nicht jeden Tag, wie viele neue Likes ich habe. Eigentlich würde ich Facebook privat gar nicht groß benutzen, aber es ist ein gutes Medium, um sich ein bisschen bekannt zu machen.

Also ist es vor allem ein Werkzeug, oder?

Ja, es macht aber auch Spaß, bei den treuesten Fans zu sehen, dass sie zu Konzerten kommen und auch bei Facebook aktiv sind. Da bin ich gerührt und freue mich riesig.

Finden Sie es schade, dass man durch einen Wettstreit Aufmerksamkeit bekommt, anstatt für die Musik?

Ja, im Prinzip haben Sie recht. Das Problem ist, dass man so viel gute Musik machen kann, wie man will. Im Keller oder sonstwo. Wenn es nicht durch irgendetwas ans Tageslicht gezerrt wird, weiß es halt kein Mensch. Von daher nehme ich es als das wahr, was es ist. Es ist ein Lichtstrahl, der drauf geworfen wird.

Bei Bandwettbewerben treten Musiker gegeneinander an. Sie wollen mit Ihrer Musik doch aber lieber die Menschen zusammenbringen?

Ja, genau. Ich wurde in Interviews schon aufgefordert zu sagen, ich steche die anderen aus. Aber das wird man von mir nicht hören, weil ich selbst Daumen auf Facebook vergebe, für Sachen, die mir gefallen. Dann ist es mir egal, ob wir in irgendeinem Rahmen gegeneinander antreten oder nicht. Niemand kann voraussehen, wie sich so etwas entscheidet. Letztendlich gehören wir alle zu einer Gruppe von Musikern.

Sie sind zugezogen. Identifizieren Sie sich mit Bremen und können Sie das Bundesland repräsentieren?

Mit der Stadt ist es bei mir wie Freundschaft. Ich bin Wahl-Bremerin und eine größere Liebeserklärung an eine Stadt kann es doch gar nicht geben. Weil, ich bin auch nicht durch irgendeinen Beruf oder so hier hergekommen. Ich habe mir die Stadt angeschaut und habe sie mir ausgesucht, um hier zu leben.

Der Grund aber waren doch die Musiker?

Ja, das sagt man so, weil ich zu Studioaufnahmen immer hier war und so die Stadt kennengelernt habe. Aber die haben nicht gesagt, komm her. Bremen ist einfach schön, hier gibt es ein schönes Miteinander.

Als Musikerin spielen Sie gewissermaßen eine Rolle. Wie viel Prozent Persönlichkeit liegt in dieser?

Das bin 100 Prozent ich. Ich kenne auch Musiker, die das trennen, um sich gewissermaßen zu schützen. Das ist mir aber egal, ich brauche keinen Schutz. Der Künstlername ist ein Symbol für die Songs und die Musik. Das hat nix damit zu tun, dass ich in eine Rolle schlüpfe.

Wer sind Ihre Favoriten für den Bundesvision Song Contest?

Ich finde den Song „Himmel aus Eis“ von Maras April gut. Ich finde die kleineren Acts spannend und würde es gut finden, wenn ein etwas unbekannterer Musiker gewinnt, wenn wir es nicht sind. Aber wir wollen natürlich gewinnen, keine Frage!

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