Schlampige Dokumentation

Justiz-Staatsrat Matthias Stauch (l.), stellte gestern im Rathaus seinen Bericht zu den Infektionen von Frühgeborenen im Klinikum Bremen-Mitte vor. Neben ihm sitzen seine Mitarbeiter Christoph Külpmann und Rolf Sauerwald (r.). ·

Bremen - Von Jörg Esser. Auf der Kinderintensivstation des Klinikums Bremen-Mitte sind Krankenakten schlampig dokumentiert und Meldepflichten nicht beachtet worden. Das geht aus dem Untersuchungsbericht zum Tod mehrerer Frühchen auf der Neonatologie des Klinikums hervor, den Justiz-Staatsrat Matthias Stauch gestern vorlegte.

Seit Ende April sind bei 25 Frühgeborenen im Klinikum Mitte multiresistente Darmkeime nachgewiesen worden. Bei neun Babys entwickelte sich eine Sepsis. Drei Frühchen starben im August und Oktober an der Infektion. Doch in der Meldekette hakte es. Letztlich informierte das Gesundheitsamt am 1. November die Senatorin und die Klinikleitung die Öffentlichkeit. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) reagierte sofort, ergriff Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, schaltete das Robert-Koch-Institut (RKI) ein und ließ einen Tag später die Frühchenstation schließen. „Schneller geht’s nicht“, sagte Stauch. Der Justiz-Staatsrat wurde übrigens wenige Tage später von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) mit einer Untersuchung der Infektionsfälle beauftragt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen sechs Todesfällen.

Der Bericht sei „ein Baustein zur Aufarbeitung“, so Stauch, „eine erste Orientierung“ auch für den Untersuchungsausschuss „Krankenhauskeime“, der am Montag seine Arbeit aufnahm. Der „staubtrockene Jurist“ (Stauch über Stauch) hat ausschließlich das umfangreiche Aktenmaterial von Klinikum, Gesundheitsbehörde und Staatsanwaltschaft ausgewertet. Das Aktenstudium war aufschlussreich. Stauch jedenfalls stellt der Frühchenstation ein schlechtes Zeugnis aus. So sei bis Anfang November übersehen worden, dass erste Infektionen und Besiedlungen mit dem Darmkeim bereits Ende April aufgetreren waren. Stauch: „Die Dokumentation der Fälle aus dem ersten Halbjahr ist aus dem Blick geraten.“ Verantwortlich dafür sind laut Justiz-Staatsrat der leitende Abteilungsarzt (also der am 16. November fristlos entlassene Kinderklinik-Chef Professor Dr. Hans-Iko Huppertz) sowie der Arzt, der die Infektion feststellte und handschriftlich vermerkte.

Die schlampige und nachlässige Dokumentation führte dann auch zur „nicht hinreichenden Beachtung“ der Meldepflichten. „Es gibt keinen Anhaltspunkt für ein gezieltes Verschweigen“, schränkt Stauch ein.

Im Vorjahr ist der Darmkeim nur einmal im Klinikum nachgewiesen worden. Das heißt: Beim zweiten Auftreten in diesem Jahr hätte eine Meldung ans Gesundheitsamt erfolgen müssen – laut Stauch spätestens am 8. August. Die erste Meldung traf dort erst einen Monat später ein, eine detaillierte Ausbruchsmeldung am 14. September. Das Gesundheitsamt hätte dem Bericht zufolge spätestens eine Woche danach die Gesundheitsbehörde informieren müssen, tat es aber erst am 1. November. „Die Meldung war verspätet.“

Es bleibt die Frage, ob bei einer funktionierende Dokumentations- und Meldekette das Leben eines der Frühchen hätte gerettet werden können. Eines der drei Kinder infizierte sich schließlich erst am 9. Oktober mit dem Keim und starb eine Woche später. Die Beantwortung bleibt hypothetisch, sagt Stauch. „Kein Mensch weiß, wie die Situation bei einer Meldung Mitte September eingeschätzt worden wäre.“

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