„Schlafmobile“ bieten Obdachlosen ein Dach über dem Kopf und machen auf ihre Wohnungsnot aufmerksam

Ein Zuhause auf vier Quadratmetern

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Harald (63) bewohnt ein vier Quadratmeter großes „Schlafmobil“, das gleich neben den Gleisanlagen in der Nähe des Bremer Hauptbahnhofes steht.

Bremen - Von Dieter Sell. „Home Sweet Home“ verkündet ein Schild an der geöffneten Tür. Drinnen hockt Harald im Schneidersitz auf seinem Bett, köchelt einen Kaffee und dreht sich eine Zigarette. Auf vier Quadratmetern hat sich der 63-jährige Bremer Obdachlose in einem „Schlafmobil“ sein Zuhause eingerichtet – umgeben von Ablageflächen, einer kleinen Leuchte unter der Decke und – ganz wichtig – einem Bücherregal.

„Mehr braucht man doch eigentlich nicht“, meint der 63-Jährige stolz und hofft, dass er in dem Minihäuschen auf Rädern auf Dauer wohnen kann. Künstlerin Alexandra Bremer hat das „Schlafmobil“ mit eigenen Mitteln gebaut, das sie als Nothilfe für Obdachlose begreift, von denen in der Hansestadt schätzungsweise 600 auf der Straße leben. Wegschauen helfe nicht, ist die 47-Jährige überzeugt. „Man muss anpacken, um daran etwas zu ändern.“

Die Bremer Künstlerin Alexandra Bremer (47) baut „Schlafmobile“, die sie Obdachlosen zur Verfügung stellt.

Nach dem Vorbild mobiler Notschlafstellen in den USA hat sie bereits zwei Häuschen gebaut. Sie stehen gar nicht weit vom Bremer Hauptbahnhof entfernt am Jakobushaus der Inneren Mission, die dort Übernachtungsplätze für wohnungslose Männer anbietet. An vier weiteren „Schlafmobilen“ arbeitet die Künstlerin gerade. Ihre Aktion und ein Protest gestern auf dem Bremer Marktplatz verweisen darauf, dass in vielen deutschen Städten bezahlbarer Wohnraum für Menschen ohne Obdach Mangelware geworden ist.

Künstlerin baut Häuschen auf Rädern

So befürchtet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, dass bis 2016 die Wohnungslosenzahlen auf 380 000 steigen könnten. Das sei ein Anstieg um ein Drittel gegenüber dem Jahr 2012, sagt Geschäftsführer Thomas Specht und ergänzt: „Die zunehmende Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten und der extrem angespannte Wohnungsmarkt sind hauptsächlich für den massiven Anstieg der Wohnungslosigkeit verantwortlich.“

Für Harald könnten die gedämmten „Schlafmobile“ aus der Werkstatt von Alexandra Bremer mindestens Teil einer Lösung sein – selbst im Winter. In seiner Hütte schwebe er „auf Wolke sieben“. Gegenüber im „Jakobushaus“ kann er die Toilette benutzen und duschen. Und nachts fühlt er sich in seinem Häuschen sicher und schläft „mit beiden Augen zu“. Im Wohnheim will er dagegen nicht übernachten. „Da wird so viel geklaut, das ist immer schlimmer geworden. Da musst Du aufpassen, dass sie einem nicht die Schuhe beim Schlafen mopsen.“

Doch ein Problem ist, dass die Behörden auf öffentlichem Grund keine Standerlaubnis für die kleinen Hütten erteilen. Und auch sonst seien die liebevoll gemachten „Schlafmobile“ eine tolle Idee, aber keine langfristige Lösung, meint Bertold Reetz von der diakonischen Wohnungslosenhilfe, die Bremer mit Spendengeldern unterstützt. „Das hilft im Moment, ist aber keine Alternative zu einer richtigen Wohnung.“

In Konkurrenz zu Flüchtlingen

Dazu kämen wachsende Konkurrenzen auf einem Markt, auf dem es sowieso zu wenig Sozialwohnungen gebe. „Wir stellen fest, dass angesichts der zunehmenden Flüchtlingsfrage die Obdachlosenfrage an Stellenwert verliert“, warnt der Vorstandssprecher des Bremer Vereins für Innere Mission, Pastor Uwe Mletzko. „Diese Menschen wollen auch guten Wohnraum haben.“ Hier gelte es, noch genauer hinzuschauen, um zu verhindern, dass Menschen „durchs Raster fallen“, weil die Sicht auf die eine Zielgruppe den Blick für die andere versperre. Das Bremer Bündnis „Menschenrecht auf Wohnen“ setzt sich deshalb unter anderem für ein zusätzliches kommunales Neubauprogramm ein, das beispielsweise über eine Sonderabgabe der Vermögensmillionäre finanziert werden könnte. „Wir fordern außerdem die Rekommunalisierung von Mietwohnungen, die an Investoren verkauft wurden, damit die Stadt wirklich Einfluss auf die Wohnungsfrage und die Quartiersentwicklung nehmen kann“, sagt Bündnis-Sprecher Joachim Barloschky. Für ihn gilt: „Housing first – jeder Obdachlose erhält baldigst eine Wohnung.“

epd

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