„Bauen für Bremen – Architektur in der Hansestadt“: Geschichte einer Fassade

Von der Schlachte zum Markt

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Rokoko mit 50er-Jahre-Schriftzug – die Fassade der Sparkasse am Markt. ·

Bremen - Von Thomas KuzajEin schönes altes Gebäude – oder etwa nicht? Alt durchaus – aber wie alt genau? Das Haus mit der Adresse Am Markt 12 gibt dem Passanten Rätsel auf, scheinen seine Teile doch nicht zueinander zu passen. Die zum Marktplatz hin liegende Schauseite stammt offenbar aus einer ganz anderen Zeit als die Fassade an der Langenstraße.

Stimmt. Stimmt aber auch wieder nicht. Alles wurde zur selben Zeit errichtet – allerdings unter Verwendung von Elementen, die aus einer vollkommen anderen Epoche stammten.

Die Geschichte des Hauses, in dem die Sparkasse am Markt untergebracht ist, führt in die 50er Jahre. In die Zeit des Wieder- und Neuaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. 1952 war es, als die Baudeputation entschied, das im Krieg zerstörte Gebäude an der Ecke von Marktplatz und Langenstraße neu aufzubauen. Dabei sollte es den Giebel des Pflügerschen Hauses bekommen.

Das Pflügersche Haus hatte ursprünglich an der Schlachte gestanden, Nummer: 31 B. Das Rokoko-Bürgerhaus der Familie Pflüger – ursprünglich: Hoffschlaegersches Haus, benannt nach dem Ratsherrn und Weinhändler Johann Georg Hoffschlaeger – war 1755 entstanden. Die Giebelfront wird dem Bremer Steinbildhauer Theophilus Wilhelm Frese (1696 bis 1763) zugeschrieben. Anno 1836 kaufte Georg Friedrich Pflüger das Haus. Er richtete hier – an der Weser! – einen Gasthof mit dem Namen „Stadt Paris“ ein. Im Kriegsjahr 1944 brannte das Haus aus. Die Baudenkmalpflege ließ die Fassade einlagern – für eine, so der Gedanke, spätere Wiederverwendung.

Und nun, in den 50ern, sollte sie tatsächlich wieder aufgebaut werden. Nur eben nicht an der Schlachte, sondern am Marktplatz. Nachdem die Sparkasse das Grundstück am Marktplatz gekauft hatte, wurde im Jahr 1955 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Darin, so heißt es in der Denkmaldatenbank des Landeskonservators, gab es die Schwierigkeit, „dem Giebel, der ursprünglich in einer Häuserreihe gestanden hatte, einen Grundriss anzufügen, der zwei weitere Schauseiten“ hat – eben zur Langenstraße hin und obendrein noch zur Rückseite des neuen Bauwerks, zur Hakenstraße also. „Zudem mussten sich die neu entstehenden Fronten in taktvoller Weise der reichen Vorderfront unterordnen.“

Der Bremer Architekt Eberhard Gildemeister (1897 bis 1978) löste die Aufgabe, indem er erst gar nicht probierte, die Unterschiede der Epochen zu kaschieren. „Während die Schauseite des Gebäudes das historische ‚Schmuckstück‘ präsentiert, ist auf den beiden anderen sichtbaren Seiten des Bauwerks nicht der Versuch unternommen worden, das Montageprinzip zu verschleiern“, ist im Internet-Architekturführer des Bremer Zentrums für Baukultur zu lesen. Gildemeister setzte auf Backstein und Sandstein. Innen richteten der Architekt und die Sparkasse das Bauwerk ganz im zeittypischen Stil der 50er Jahre ein. Das organisch Runde dominiert hier und spielt auf verblüffend harmonische Weise mit den Formen der Rokoko-Fassade zusammen. Seit 1973 steht das Haus unter Denkmalschutz. Weitere Gebäude von Eberhard Gildemeister sind beispielsweise die neue Rembertikirche in Schwachhausen und die Landhäuser auf dem Lehnhof in Burglesum.

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