Porträt

Heinrich Kuhbier arbeitet seit 60 Jahren im Übersee-Museum

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Seit 60 Jahren arbeitet Heinrich Kuhbier in der Botanischen Sammlung des Übersee-Museums. Am Mittwoch, 3. Juli, ehrt das Haus ihn mit einem Festkolloquium.

Bremen – „Ich bin der Leitz-Ordner.“ Mit diesen Worten beschreibt Heinrich Kuhbier sich selbst. „Bevor die nachgucken, fragen sie mich.“ „Die“, das sind die jüngeren Kollegen. Und in Kuhbiers Fall sind sämtliche Kollegen jünger. Denn Kuhbier ist 85. Seit 60 Jahren – seit dem 1. Juli 1959 – arbeitet er jetzt im Bremer Übersee-Museum.

In der Botanischen Sammlung des Hauses, um genau zu sein. Die Botanik ist Kuhbiers Leidenschaft, das ist im Gespräch mit ihm sofort zu spüren. Es ist eine lebenslange Leidenschaft. Nach dem Schulabschluss – 1951 in Lüdenscheid – machte der Vater dem jungen Kuhbier Vorschläge für eine Ausbildung: Kaufmann lernen, in die Verwaltung gehen. Und: „Wenn Du Dich so für Dein Grünzeug interessierst, musst Du Gärtner werden.“

Kuhbier ging in die Gärtnerei. Natürlich gab‘s Probleme: „Ich wollte Unkraut stehen lassen, bis es blüht. Da liefen unsere Interessen diametral. . .“ Das dritte Lehrjahr absolvierte er an einem noch passenderen Ort, in einem Botanischen Garten (Dortmund).

Später wechselte Kuhbier dann nach Essen. „Dort kam ich in die Gewächshäuser, es gab Begonien und Orchideen.“ Es folgten Stationen in Hamburg und England. Anfang 1959 erschien eine Anzeige in der Zeitschrift „Kosmos“. Das Bremer Übersee-Museum suchte jemanden zur Pflege und zum weiteren Ausbau der Botanischen Sammlung.

Kuhbier bekam die Stelle. „Ich bin 40 Jahre hier gewesen. Jetzt bin ich schon 20 Jahre im Ruhestand und immer noch hier.“ Warum aber sammelt man Pflanzen? „Um Lücken zu füllen“, so die lakonische Antwort. Und wie sammelt ein Museum? „Die Pflanzen werden gepresst, bis sie trocken sind, und dann auf Bögen gezogen. Unten rechts kommt ein Etikett hin.“ Was steht da drauf? „Das Unwichtigste ist der Name der Pflanze“, sagt Kuhbier. „Fundort, Datum und Sammler sind wichtig. Wie die Pflanze heißt, das kann man später immer noch herausfinden.“ Das Museum verwahrt die Bögen in schwarzen Kästen.

Sammeln. Bestimmen. Ordnen. Kuhbier macht das seit Jahrzehnten. Pflanzen aus dem Nordwesten, Pflanzen von Inseln. Wasserpflanzen und Gehölze. Mehr als 300 000 Belege hat das Museum, sagt ein Kollege. Kuhbier ist anderer Meinung. Es dürften eher 500 000 bis 600 000 sein, sagt er.

Besonders faszinierend: Pflanzen, die nach Bremen eingeschleppt wurden – zum Beispiel über die Häfen. Da landeten Samen aus Australien, Kanada und Südamerika zum Beispiel bei der Wollkämmerei in Blumenthal. Sie hingen in der Schafwolle, sie säten sich hier aus. Kuhbier kam regelmäßig in Blumenthal vorbei und guckte ganz genau hin. „Bei der Wollkämmerei hieß es, jetzt kommt wieder der Verrückte vom Übersee-Museum und holt das Unkraut hier ab.“

Viele Pflanzengeschichten sind Migrationsgeschichten. „Das Dänische Löffelkraut tauchte an der Autobahn auf“, erinnert sich Kuhbier. „Obwohl das eine Küstenpflanze ist.“ Nun wuchs (und wächst) die Küstenpflanze auf dem Mittelstreifen. „In Richtung Osnabrück blüht es im Frühjahr schneeweiß.“ Eingeschleppt wurden die Samen in Reifenprofilen, vermutet Kuhbier.

Der Botaniker guckt nach wie vor genau hin – auch zu Haus. Da wuchsen plötzlich „kleine Dinger“ im Balkonkasten. „Ein Gehölz“, so Kuhbier. Wie sich herausstellte: der Götterbaum, der eigentlich aus China stammt. Eine invasive Art: „Er wird zur Pest hier, überall taucht er auf. Häufig in Gröpelingen, in Walle. In den Randgebieten der alten Häfen, da stehen die überall.“

So gibt es immer wieder Gesprächsstoff unter Botanikern. Ein kommunikativer Beruf – Kuhbier fasst diesen Aspekt so zusammen: „Man hat ‘ne ganze Reihe von skurrilen Leuten kennengelernt, ich darf mich da nicht ausnehmen.“

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