Säulen und Avantgarde

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Charakteristisch – die Säulenfassade des Theaters am Goetheplatz. Hier wird gerade ein Plakat angebracht, das für den „Tag der offenen Tür“ wirbt. ·

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Die Säulen sind charakteristisch, die Adresse wirkt programmatisch und gibt dem Haus seinen Namen: Theater am Goetheplatz. Es steht seit bald 100 Jahren, und zur 100-Jahr-Feier plant das Theater einen „Tag der offenen Tür“ am Sonnabend, 31. August.

Bis dahin ist es noch etwas hin. Ein Plakat zum „Tag der offenen Tür“ wurde gestern schon mal an der Säulenfassade befestigt, die Werbung überbrückt nun die Sommerpause des Theaters. Pause? Zeit für eine Rückblende.

Die Bremer Architekten August Abbehusen (1875 bis 1941) und Otto Blendermann (1879 bis 1944) haben das Gebäude entworfen. Gebaut wurde es 1912/13. Abbehusen und Blendermann bildeten von 1903 bis 1919 eine Architektengemeinschaft. Die beiden bauten in verschiedenen Stadtteilen – so beispielsweise die evangelische Christuskirche in Woltmershausen (1905/06), das Rathaus Blumenthal im Bremer Norden (1908 bis 1910) und die Villa Bünemann an der Bürgermeister-Spitta-Allee 18 in Schwachhausen (1911).

Nach dem Ersten Weltkrieg baute Abbehusen vornehmlich Wohnhäuser, darunter 1922 Werkswohnungen der Vulkan-Werft. Blendermann führte 1931/32 als Architekt den Entwurf des Bildhauers Fritz Behn (1878 bis 1970) für das „Kolonialdenkmal“ aus – es handelt sich um den aus dunkelroten Oldenburger Klinkern gemauerten Elefanten, der in der Nähe der Bürgerweide steht und 1989 zum „Antikolonialdenkmal“ umgewidmet wurde. Blendermann war es auch, der sich dafür einsetzte, dass die Skulpturen von Bernhard Hoetger (1874 bis 1949, aus dem „Zyklus des Lebens unter dem Stigma der Arbeit“) 1933 von der Fassade des „Volkshauses“ in Walle abgenommen wurden.

Zurück an den Goetheplatz. Hier schufen Abbehusen und Blendermann ein Bauwerk, das sich „mit neoklassizistischer Säulenfront“ in „das Ensemble kultureller Bauten zwischen Altstadt und östlicher Vorstadt“ einreiht, wie auf einer Erklärungstafel an der Fassade zu lesen ist. Seit 2005 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Entstanden ist es unter dem Namen „Schauspielhaus am Ostertor“ – als, wie es in der Denkmaldatenbank des Landeskonservators heißt, „zweites Haus der privat geführten „Bremer Schaubühne“. Und weiter: „Die Theaterdirektoren Eduard Ichon und Johannes Wiegand hatten mit dem Schauspielhaus am Neustadtswall (1910) und dem Schauspielhaus am Ostertor in der Hansestadt ein von Idealismus und Engagement getragenes Privattheater in Konkurrenz zur städtischen Bühne (Stadttheater Am Wall, zerstört) etabliert, das bis zum Tode Ichons 1943 Bestand hatte.“

An das eigentliche Stadttheater erinnert in den Wallanlagen noch heute der Theaterberg. Die Bühne dort galt als konservativ. Am Goetheplatz war man künstlerisch eher auf der Höhe der Zeit. Das Schauspielhaus am Ostertor setzte auf Experimente und Uraufführungen – so wurden die Bremer Theatermacher auch in Berlin wahrgenommen. „Hier war man Avantgarde“, sagt der Bremer Historiker und 20er-Jahre-Experte Dr. Hartmut Roder (Übersee-Museum).

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs entschieden die Bremer, ihr Stadttheater (Am Wall) aufzugeben und die Bühne am Goetheplatz zum neuen Stadttheater zu machen. Den Um- und Neuaufbau planten die Architekten Werner Commichau und Hans Storm 1948/49. „Die Erhöhung des Theaters und die damit verbundene Verlängerung der Säulenschäfte und der Verzicht auf das ehemals hohe Walmdach ist eine gelungene Vereinfachung der Fassade im Geist der 50er Jahre“, heißt es beim Denkmalpfleger.

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