Henning Scherf: Am 75. Geburtstag hütet der Alt-Bürgermeister Enkel in Israel

Ruhestand sieht anders aus

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Henning Scherf wird heute 75 Jahre alt. ·

Bremen - Von Vera JansenVoller Tatendrang stürzt sich der Bremer Alt-Bürgermeister Henning Scherf (SPD) auch im Ruhestand immer noch auf neue Projekte. „Der Terminkalender ist manchmal so voll, dass ich ihn durcheinanderbringe“, sagt Scherf, der heute 75 Jahre alt wird. „Ich habe auch schon Termine vergessen, ganz ärgerlich.“ Eine große Feier wie vor fünf Jahren gibt es diesmal nicht, stattdessen eine Reise.

„Wir hüten in Israel unsere jüngsten Enkelkinder“, sagt der neunfache Großvater. Seine Tochter habe darum gebeten, sie auf einer Reise zu begleiten. Scherf ist ein Familienmensch und freut sich über Reisen mit allen Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln: „Ich spüre, noch geht das, noch hält diese wachsende Familie wunderbar zusammen.“ Der 75-Jährige ist seit 1960 mit Luise verheiratet.

Nach seiner Politikerkarriere hat sich Scherf als Autor einen Namen gemacht. Sein Buch „Grau ist bunt: Was im Alter möglich ist“ (2007) wurde ein Bestseller. In den vergangenen fünf Jahren sind weitere Werke erschienen, das jüngste, „Mehr Leben – warum Jung und Alt zusammengehören“, erst vor ein paar Wochen.

„Mein Verlag ist ganz wild darauf, dass ich weiterschreibe“, sagte der Zwei-Meter-Mann. Seine Lesereisen führen ihn durch die ganze Republik. Auch Scherfs Freude am Singen und Musizieren ist ungebrochen, er schwärmt von Chorfesten mit Tausenden von Teilnehmern, „und ich bin mittendrin“. Dem Thema Alter hat sich Scherf besonders verschrieben. In der Bosch-Stiftung sitzt er in der Jury, die jährlich den deutschen Alterspreis verleiht. Auf Bitten der Bundesregierung ist er außerdem Vorsitzender eines Fachausschusses zum Thema Altersdiskriminierung. „Das alles macht mir große Freude.“ Er selbst lebt mit seiner Frau seit Jahren mit Freunden in einem Haus, in dem sich jedoch jeder in seine eigenen vier Wände zurückziehen kann.

Den Abgang von der politischen Bühne vor acht Jahren hat der „Lange“, wie Henning Scherf oft liebevoll genannt wird, nie bereut. Auch einen wehmütigen Blick zurück gibt es nicht. „Im Gegenteil, ich bin froh, dass ich da rausgekommen bin.“ Der promovierte Jurist ist seiner Heimatstadt Bremen bis heute treugeblieben und schlendert immer mal wieder über den Marktplatz. „Hallo, Henning“, hallt es ihm da oft entgegen. „Umarmer“ wurde Scherf gern genannt, und selbst bei Pressekonferenzen mit 30 Journalisten gab er jedem die Hand – oder umarmte sie.

Mehr als 40 Jahre lang war Scherf Vollblutpolitiker. Er demonstrierte als Linker gegen Atomraketen, unterstützte Kaffeepflücker in Nicaragua und stellte sich als Senator gegen ein öffentliches Rekrutengelöbnis im Weserstadion. In den Bremer Senat zog Scherf erstmals 1978 als Finanzsenator ein. Nach dem Wahldebakel von 1995 löste er SPD-Bürgermeister Klaus Wedemeier ab. Bis 2005 hielt der erfahrene Politiker die große Koalition mit der CDU zusammen. Scherf genoss wegen seiner mitfühlenden Art viel Wohlwollen bei den Bremern und fuhr gute Wahlergebnisse auch in Jahren ein, in denen es für seine Partei andernorts fast überall Niederlagen hagelte.

In seine Amtszeit fiel ein erster Versuch, den notleidenden Haushalt des kleinsten Bundeslandes zu sanieren. Rund zehn Jahre lang flossen Milliardenbeträge vom Bund an die Weser. Dennoch wuchs der Schuldenberg weiter. 2005 gab Scherf während einer laufenden Legislaturperiode das politische Zepter ab – aus persönlichen Gründen, wie er betonte. · dpa/gn

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