Intelligente Haltungserkennung soll Sturzgefahr senken

Risikofaktor Rollator

Dr. Amit Choudhury bringt mit seinem Team das medizinische Wissen in das Projekt ein. - Foto: Geno

Bremen - Von Viviane Reineking. Wer aufgrund von Alter oder Krankheit auf einen Rollator angewiesen ist, soll künftig sicherer unterwegs sein: Vier Partner aus Wissenschaft, Gesundheit und Industrie wollen ein intelligentes elektronisches System für die rollenden Gehhilfen entwickeln, das Haltungsfehler erkennt und so Stürzen vorbeugen hilft.

Mobil sein bis ins hohe Alter, dazu leisten Rollatoren einen wichtigen Beitrag. Doch die Verwendung der Gehhilfe-Assistenten auf vier Rädern birgt auch Risiken. Gefährlich kann es vor allem werden, wenn Rollatoren falsch genutzt werden, etwa durch eine fehlerhafte Körperhaltung. So sind manche Menschen aufgrund kognitiver Einschränkungen nicht mehr in der Lage, sich die richtige Haltung einzuprägen. Die Gefahr zu stürzen steigt.

An dem vom Bundesforschungsministerium mit 912 000 Euro geförderten Projekt sind neben dem Unternehmen Budelmann Elektronik aus Münster und dem Rollatorenhersteller Topro (Fürstenfeldbruck) auch zwei Bremer Partner beteiligt: der Forschungsbereich Cyber-Physical Systems des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) mit der Klinik für Geriatrie am Klinikum Bremen-Nord.

Mehr als 30 Prozent der über 65-Jährigen stürzen nach Angaben von Dr. Serge Autexier mindestens einmal pro Jahr. „Die Sturzgefahr steigt pro Lebensjahrzehnt um etwa zehn Prozent und liegt bei Hochbetagten über 80 Jahre bei mehr als 50 Prozent“, so der Leiter des Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL) am Bremer Standort des DFKI. Hier entwickeln Wissenschaftler mobile Assistenz- und Unterstützungssysteme für künftige Senioren und prüfen sie auf ihre Alltagstauglichkeit. Bis zu zehn Prozent der Stürze führen laut Dr. Amit Choudhury, Direktor der Klinik für Geriatrie am Klinikum Bremen-Nord, zu ernsthaften Verletzungen, vor allem zu Brüchen.

Zwar gebe es keine guten Daten, wie viele der Stürze auf eine fehlerhafte Nutzung etwa des Rollators direkt zurückzuführen seien, so die Bremer Experten. „Wir beobachten im klinischen Alltag jedoch regelmäßig eine fehlerhafte Haltung und ein fehlerhaftes Handling am Rollator, wodurch Stürze bedingt sein können“, so Choudhury. Oberschenkelhalsbrüche mit einem besonders hohen Risiko für Pflegebedürftigkeit oder Tod sowie Beckenring-, Wirbelsäulen- und Oberarmfrakturen seien typische, sturzbedingte Verletzungen im Alter.

Häufig führten Stürze auch zu Unsicherheiten und einer „erhöhten Sturzangst, die zu geringerer Mobilität und paradoxerweise zu erhöhter Sturzgefahr durch Fehl- und Schonhaltungen führt“, so der Klinikchef. Für die Mediziner ist es das „Post-Fall-Syndrom“, für die Betroffenen nicht selten der Beginn eines „Teufelskreises“.

Die am häufigsten zu beobachtenden Haltungsfehler am Rollator sind Autexier zufolge eine zu gebeugte Haltung, oft verbunden mit einem zu großen Abstand der Person zum Rollator. Außerdem sollten sich Nutzer nicht mit dem Gewicht auf den Rollator aufstützen. Die Handgriffe sollten so eingestellt sein, dass sie sich bei locker herabhängenden Armen etwas oberhalb der Handgelenke befinden. Beide Hände sollten leicht und entspannt auf den Griffen aufliegen, die Körperhaltung aufrecht und mittig zum Rollator, die Schultern entspannt sein, raten die Bremer Experten.

Bei der Nutzung von Rollatoren ist eine korrekte Haltung wichtig. - Foto: Topro

Die Forschungspartner wollen nun ein intelligentes technisches System entwickeln, das die Haltung und das Gangbild am Rollator analysiert und bewertet. Eine Rückmeldung hilft, Haltungsfehler zu korrigieren. Sie solle einfach und intuitiv zu verstehen sein, aber auch nicht unbedingt von Dritten direkt wahrgenommen werden und nicht von der Umgebung ablenken, so der DFKI-Wissenschaftler.

Die Bremer Klinik für Geriatrie analysiert die typischen Gangbilder älterer Menschen und bringt ihr medizinisches Fachwissen ein. Die DFKI-Wissenschaftler schaffen die technischen Voraussetzungen, um die Haltungsmuster der am Rollator gehenden Personen zu erfassen. Von ihnen optimal positionierte Distanzsensoren an der Gehhilfe bestimmen dann die Position des Nutzers in Relation zum Rollator. Außerdem entwickeln sie eine Software zur Bewertung der gemessenen Haltungsmuster. Durch die intelligente Sturz-Prävention hoffen die Projektpartner, das Sturzrisiko zu mindern, Sicherheit zu vermitteln und die Lebensqualität von älteren und kranken Menschen zu verbessern.

www.dfki.de

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