Serie „Verschwunden“

Die Richtstätte: Der Galgenberg in Walle

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Der Galgenberg in Walle auf dem Bremer Belagerungsplan von anno 1666. 

Bremen - Das Kulturhaus Walle („Brodelpott“, Schleswiger Straße) findet sich hier, die Union-Brauerei (Theodorstraße) ebenfalls. Kulturelles Leben, Beschäftigung mit regionaler Geschichte, das Herz der Bremer Craft-Bier-Szene – all das prägt dieses Quartier heute. Früher war das ganz, ganz anders.

Wo die Schleswiger Straße verläuft, da lag einst ein Dünenhügel. Und diese Düne war der Galgenberg, die Hinrichtungsstätte der Stadt Bremen. Der Galgenberg ist heute Thema in unserer Serie „Verschwunden“.

Die Richtstätte auf dem Osterfeuerberg – sie war im späten Mittelalter angelegt worden. Walle war zu jener Zeit ein Dorf – ein Dorf vor den Toren der Stadt. 1524 bekam dieses Dorf eine eigene Kirche, die Waller Bauern mussten nun nicht mehr nach St. Stephani und St. Michaelis pilgern.

Mit dem Galgenberg im Osterfeuerbergviertel gewann Walle im 16. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung für Bremen. Auf einem Plan aus der Zeit der schwedischen Belagerung Bremens (1666) ist der Richtplatz genau zu erkennen.

In dem Krieg zwischen der Stadt Bremen und dem Königreich Schweden ging es um – was auch sonst – Bremens Selbstständigkeit, um Bremens Status als freie Reichsstadt. Nach langen Verhandlungen endete der Konflikt am 15. November 1666 mit dem „Frieden von Habenhausen. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück nach Walle.

Erst im Jahr 1811 wurde der Galgen auf dem Osterfeuerberg abgebrochen. Nun gab es hier keine Hinrichtungen mehr. Die Serienmörderin Gesche Gottfried etwa wurde 20 Jahre später, 1831, vor etwa 35 000 Schaulustigen mitten in der Stadt – auf dem Domshof – hingerichtet. Das war die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen überhaupt. Gesche Gottfried hatte 15 Menschen mit Arsen vergiftet.

Und wieder zurück nach Walle. Nach dem Abbruch des Galgens wurde am Osterfeuerberg ein Pulvermagazin angelegt, der Name Pulverberg erinnert noch heute daran. Das städtische Pulvermagazin aber blieb nicht lange an diesem Ort – das wiederum hat mit der Veränderung Walles (und Bremens) im Zuge der Industrialisierung zu tun.

Die Eisenbahn war es, die den Prozess der Industrialisierung allerorten beschleunigte – so auch hier. Die Düne, sie diente als Sandquelle für den Bau der Bahnstrecke nach Geestemünde. Nach und nach wurde der einstige Galgenberg abgetragen.

Zugleich breitete die Stadt sich aus, neue Wohnviertel entstanden – auch im Osterfeuerbergquartier. Wo viele Menschen nun dicht beieinander wohnten, da war nicht mehr der richtige Platz für ein Pulvermagazin – viel zu gefährlich! So wurde das Magazin in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts schließlich nach Oslebshausen verlegt.

Walle wuchs unterdessen weiter und weiter. Bremen brauchte und baute neue Hafenanlagen. Die „Weserkorrektion“ und der Bau des großen Freihafens bedeuteten das Ende des alten Dorfes Walle.

Die Industrialisierung hatte Walle jetzt fest im Griff. Kaum war der Freihafen 1888 fertig geworden, da kamen auch schon die Fabriken. Textilindustrie siedelte sich in Walle – eben – direkt am Hafen an. So konnten die per Schiff angelieferten Rohstoffe besonders schnell verarbeitet werden. Die Bremer Jute-Spinnerei und -Weberei an der Nordstraße etwa hatte zeitweise 3000 Beschäftigte. Die Produktion begann 1888 mit 240 Webstühlen und 4500 Spindeln.

Viele der Beschäftigten waren aus Polen, Böhmen und Galizien nach Walle gezogen – Migranten. Und: Katholiken in einer protestantisch geprägten Welt. Arbeitersiedlungen entstanden und veränderten das Gesicht des einstigen Dorfes weiter. Die Kosten für die Infrastruktur konnte Walle bald nicht mehr tragen. Die Lösung war die formelle Eingemeindung ins Stadtgebiet – 1902 war sie abgeschlossen, das Dorf zur Vorstadt geworden.

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