Richard Oetker berichtet über seine Entführung / Ausstellung des „Weißen Rings“

„Sterben kam nicht in Frage“

+
Richard Oetker bei seinem Vortrag in der Liebfrauenkirche.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Mein ganzer Körper bebte vor Angst und Kälte“, erzählt Richard Oetker in der Liebfrauenkirche. Er berichtet von seiner Entführung im Jahr 1976. Damals überlebte der Unternehmersohn schwer verletzt. Seine Lebensfreude verlor er nicht.

Zur Eröffnung der Ausstellung „Opfer“ der Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“ (Untere Rathaushalle) war Richard Oetker nach Bremen gereist, um – eben – aus der Perspektive eines Opfers zu berichten.

Nach der Begrüßung durch Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) und Dierk Schittkowski, dem Bremer Landeschef des „Weißen Rings“, sowie der Bundesvorsitzenden Roswitha Müller-Piepenkötter gehörte die volle Aufmerksamkeit dem prominenten Gast.

Am 14. Dezember 1976 wurde der damals 25 Jahre alte Student auf dem Universitätsparkplatz in Freising von seinem bewaffneten Entführer in ein Auto gezwungen und in eine darin befindliche etwa 1,40 Meter hohe Holzkiste gesperrt. „Ich war völlig geschockt und konnte erst wieder bewusst denken, als ich die Kistenwand an meinen Knien spürte“, erzählte der mittlerweile 64-Jährige.

Damals habe er jede Gelegenheit genutzt, um mit dem Täter zu sprechen und eine Beziehung aufzubauen. Sogar das „Du“ habe er seinem Entführer angeboten. Gleichzeitig habe er versucht, sich alles zu merken: Geräusche, Uhrzeit, Details.

Von Beginn an, so Oetker, sei er optimistisch gewesen. Er versuchte, aktiv und aufmerksam zu bleiben – auch, als der Täter seine Fesseln an einen Stromkreis anschloss und drohte, dass Oetker einen Stromschlag bekäme, falls er zu schreien versuchte. Der Gefangene blieb ruhig. Doch am Morgen löste eine andere Geräuschquelle ungewollt den Stromschlag aus. Die dadurch verursachten heftigen Muskelkontraktionen brachen Oetker in der engen Kiste zwei Brustwirbel und beide Hüften.

„Ich schrie vor Schmerz und dachte, ich würde jetzt umgebracht“, erzählte er. Als sein Entführer fragte, wie er ihm helfen könne, habe er den Täter gedrängt, die Kiste offen zu lassen, ein Polster zu besorgen und die Geldübergabe einen Tag vorzuziehen.

Tatsächlich kam Oetker am 16. Dezember 1976 nach 47 Stunden und gegen 21 Millionen Mark Lösegeld wieder frei. Oetker war aber noch nicht gerettet. Die Embryohaltung in der Kiste hatte seine Lungenfunktion stark geschädigt.

„Aber sterben kam für mich nicht in Frage“, erzählte er. Er habe sogar noch seine besorgte Familie getröstet und die ewigen Verhöre genutzt, um sich alles von der Seele zu reden. Oetker versuchte, aus allem das Beste zu machen. Statt sich über den routinemäßigen Verdacht, möglicherweise Mittäter bei der Erpressung zu sein, lange zu ärgern, habe er die Verhörtaktik der Polizei studiert. Die vielen Details, die Oetker sich gemerkt hatte, verdichteten die Indizienkette zur Verurteilung des Entführers Dieter Zlof.

Selbst als sein Peiniger nach Jahrzehnten die Geschichte vermarkten wollte, kam Oetker ihm einfach zuvor. „Ich weiß jetzt, dass man viel mehr aushalten kann, als man sich jemals zutrauen würde“, erzählte er gelassen. Er habe unter den physischen, aber unter keinerlei psychischen Folgen zu leiden gehabt und 40 glückliche Jahre gelebt – auch dank einer großen Familie, Freunden und dem Unternehmen im Rücken. „Viele haben das aber nicht“, sagte er, „sie brauchen Hilfe von außen und vor allem Menschen, die sich nicht von den Opfern abwenden.“ Gerade für sie sei der „Weiße Ring“ eine große Hilfe.

BVB-Nachwuchs siegt im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern

BVB-Nachwuchs siegt im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern

Nach dem Bundesliga-Aufstieg: Heldt plant das neue 96-Team

Nach dem Bundesliga-Aufstieg: Heldt plant das neue 96-Team

Familientag beim TV-Jubiläum

Familientag beim TV-Jubiläum

Feuerwehr-Wettkämpfe in Rechtern

Feuerwehr-Wettkämpfe in Rechtern

Meistgelesene Artikel

Wasser, Wohnen, Wohlfühlen – Weserhäuser in der Überseestadt

Wasser, Wohnen, Wohlfühlen – Weserhäuser in der Überseestadt

Maritimes Großereignis mit viel Landgang

Maritimes Großereignis mit viel Landgang

Wachsende Überstundenzahl bei der Polizei: Mäurer verweist auf Zukunft

Wachsende Überstundenzahl bei der Polizei: Mäurer verweist auf Zukunft

Unfall auf A1: Frau verliert Kontrolle

Unfall auf A1: Frau verliert Kontrolle

Kommentare