Rhythmus im Ornament

„Mein Kunst-Stück“ mit Susanne Bollenhagen und ihrem Rokoko-Stück „Amor“

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Ornamente sind Susanne Bollenhagens Passion. „Präsentiert man ein Ornament einzeln und freigestellt, ist das ungewohnt“, sagt die Bremer Künstlerin.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Amor“ heißt Susanne Bollenhagens Werk, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Es ist ein freigestelltes, auf Holz gemaltes Rokoko-Ornament, wie es im 18. Jahrhundert Fußböden, Friese oder Möbel zierte. Isoliert betrachtet, hat das Element etwas Eigentümliches.

Das asymmetrische Ornament „Amor“ und sein Pendant „Venus“ hat Susanne Bollenhagen für eine Ausstellung in der „Kultur-und-Wege-Kirche Landow“ auf Rügen entworfen. Sie besetzten die Mauernischen des Kirchenchores. Die beiden Ornamente bezogen sich auf den opulent verzierten Altar und das Taufbecken aus dem Rokoko. Die C-förmigen Schwünge eines klassischen Rokoko-Ornaments werden bei „Amor“ von einem gegliederten, sich auflösenden bunten Bogen umgeben.

In Bollenhagens Atelier wirkt das separierte Ornament irritierend. „Amor“ ist nicht mehr Referenz oder Dekor, sondern ein eigenständiges Element. „Normalerweise wirken Ornamente in ihrer Gesamtheit“, weiß die Bremer Künstlerin. Typische Formen sind Rosetten, Bänder und Flächenornamente. Sie hätten kein Bildzentrum, dafür aber einen Rhythmus. 

„Die Ornamentik ist viel näher mit der Musik verwandt als die erzählende Malerei“, sagt die Bremerin mit dem ungewöhnlichen künstlerischen Schwerpunkt. Entscheidend für die Wirkung eines ornamentalen Musters sei die Farbgebung. „Durch sie passiert das Wunder oder der überraschende Effekt“, sagt Bollenhagen. „Dabei kommt es auf Nuancen an. Wenn ich bei den Farben einen Fehler mache, funktioniert das ganze Ornament nicht.“

Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, plant, konstruiert und berechnet die Künstlerin das Ornament oder Symbol ganz genau. „Das umzusetzen, hat einen meditativen Moment. Es ist dann wie das Erbsenauspulen“, sagt sie und lacht.

Durch das Faible des Vaters geprägt

Geprägt wurde die 1959 geborene Künstlerin unter anderem durch das Faible ihres Vaters. Der war Statiker und Bewunderer der gotischen und romanischen Architektur. Zu den Familienurlauben gehörte stets die Betrachtung historischer Bauwerke. Nach einer Ausbildung zur Raumausstatterin machte die bei Rotenburg aufgewachsene Künstlerin ihr Fachabitur und studierte anschließend freie Kunst in Bremen.

Bald wandte sie sich der Ornamentik zu. „Im Gegensatz zu Porträt oder Stillleben ist die Ornamentik in unserer christlich geprägten Kultur kein eigenes Genre“, sagt Bollenhagen. „Entweder ist sie dekorativ oder sie verleiht einem Gegenstand Attribute wie Leichtigkeit oder Schwere.“

Ihre Atelierzeiten variieren je nach Projektphase. Ist ein Thema abgeschlossen, folgt eine neutrale Phase. Dann kümmert sich die Künstlerin um ihre Website, Kataloge und Texte.

Die Herausforderung des Künstlerlebens sei das Überleben, sagt Bollenhagen. Zwar müsse sie sich keine großen Urlaube finanzieren, um den Stress im Job auszugleichen. Was ein Künstler aber braucht, um ernstgenommen zu werden, sind Ausstellungen.

„Kunst ist sowieso immer da“

Ob wir Kunst brauchen? – „Kunst ist sowieso immer da. Allerdings könnte ich auch nicht im Chaos, ohne Struktur, leben. Unsere Kunst in Europa ist ein Schatz. Wie wäre es ohne Bremer Rathaus oder Dom?“

Zu den Künstlern, die für Bollenhagen besonders bedeutend sind, zählen Johannes Esaias Nilson (1721 bis 1788) und Joris Hoefnagel (1542 bis 1601). „Die Arbeiten des Augsburger Kupferstechers Nilson sind das Verrückteste, was ich in den vergangenen Jahren zum Rokoko gefunden habe“, sagt Bollenhagen. „Und Hoefnagels Buchmalerein waren für mich inspirierend.“

Wenn Bollenhagen jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann ginge ein Ornament an das bislang nicht vorhandene Museum für Ornamentik. „Das sollte es vielleicht geben, denn die Ornamentik ist der Vorläufer der abstrakten Kunst. In den Museen findet man Ornamentik jedoch nur als Nebenerscheinung von Keramik, Möbeln oder anderem.“

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