SERIE VERSCHWUNDEN Bremens lange Fahrradtradition

Reitwege werden Radwege

Hillmanns Hotel auf einer historischen Ansichtskarte zum Radler-Treffen 1908 – und keine Radfahrer. 
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Hillmanns Hotel auf einer historischen Ansichtskarte zum Radler-Treffen 1908 – und keine Radfahrer. Foto: ARCHIV
  • Thomas Kuzaj
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Bremen – Geschützte Radwege, Premiumrouten, autofreie Innenstadt: Bremen ist auf dem Weg zur Fahrradstadt. Neu ist das nicht. Schon anno 1908, zu Kaisers Zeiten, wurde das Fahrrad an der Weser gefeiert – beim 25. Bundestag des Deutschen Radfahrerbunds. Den aber gibt es längst nicht mehr. So ist das historische Treffen heute Thema unserer Serie Verschwunden.

Rad-Premiumrouten, die gab es damals natürlich noch nicht – also: allenfalls für den Kaiser, und der fuhr dann nicht mit dem Rad. Aber Radfahrer, die gab es schon im immer größer und dichter werdenden Bremer Stadtverkehr. Um die kümmerte sich der Deutsche Radfahrerbund, der 1884 in Leipzig gegründet worden war.

Der Bund brachte Zeitschriften für Radfahrer heraus, in denen Radwandern ein großes Thema war. Aber auch die Sicherheit! So wurde beispielsweise sehr dringend empfohlen, auf den Chausseen rechts zu fahren, um Unglücksfälle und „Unannehmlichkeiten mit Beamten“ zu vermeiden. Anzeigen warben für Artikel wie „Pneumatik-Reifen“, „Radfahrer-Schuhe“ („für Damen und Herren“) und „Reparaturen an Nähmaschinen und Fahrrädern“.

Bremer Radfahrer gründen Vereine

Die jährliche „Bundesfeste“ entwickelten sich zu höchst geselligen Großveranstaltungen. Bremen war schon recht früh mit von der Partie. Als der Radler-Bundestag im Jahr 1897 erstmals in Bremen zusammenkam, da hatte der Radfahrerbund bereits gut 34 900 Mitglieder. Beim großen Jubiläumstreffen 1908 waren es noch mehr: 45 460 fahrradbegeisterte Untertanen des Kaisers.

Warum war der Radverkehr so in Schwung gekommen? Nun, das Herumkurven auf Hochrädern war ja eher noch eine Sache für Sportler und Spezialisten gewesen; die Fahrer bewegten sich auf Augenhöhe mit Reitern. Dann aber setzten sich in den 1890er Jahren die Tourenräder durch. Mit stabilem Rohr vom Sattel zum Tretlager. Und Luftreifen! Damit konnte man nicht nur Rennen fahren, sondern auch zur Arbeit.

Schon 1881 war der – mit Blick auf Sport und technischen Fortschritt noch britisch geprägte – „Bicycle-Club Bremen“ gegründet worden. Der Club organisierte unter anderem Saalfahrten in den Hemelinger „Centralhallen“, Platz gab‘s dort ja genug. Schaufahren in Ballsälen – in Bremen war das nicht ungewöhnlich. Draußen, an der frischen Luft, wurden Radrennen gefahren – auf einer Bahn an der Straße Außer der Schleifmühle zum Beispiel.

Bremens Radfahrer brauchen Regeln

„Um 1900 zählte man in Bremen 17 Radfahrvereine“, heißt es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011). Die Vereine trugen Namen wie „Hansa“, „Radtouristen“ und „All-Heil“.

Der zunehmende Radverkehr brachte zunehmende Verkehrsprobleme mit sich. Schon die Hochradfahrer waren gern aufs Trottoir ausgewichen, weil das Kopfsteinpflaster auf der Straße unbequem und rutschig war. 1869 hatte Bremen dieses Ausweichmanöver verboten. Eine „Velocipedenordnung“ brachte 1884 weitere Regeln. So war es Radlern erlaubt, auf den Fußwegen im Bürgerpark zu fahren. Zuvor mussten sie allerdings eine Prüfung ablegen. Und ihre Räder bekamen Kennzeichen.

Bremens Radler dürfen zu Kaisers Zeiten auf Fußwegen fahren

Dennoch blieb der Regulierungsbedarf groß. Bis 1908 erließ Bremen zehn „Fahrradordnungen“. Das Fahren auf Fußwegen wurde über den Bürgerpark hinaus ausgedehnt (es hat sich bis heute gehalten), das Rechtsfahrgebot eingeführt. Bremen gehörte zudem zu den ersten deutschen Städten, die Radwege einführten – die Radler zahlten sie zunächst selbst. Vor dem Bundestreffen 1897 sammelten sie 5 000 Mark dafür. Bald zahlte auch die Stadt, um Radler von den Fußwegen zu lotsen. So wurden an Holler- und Parkallee Reitwege zu Radwegen umgebaut. Beim 25. Bundestag des Deutschen Radfahrerbunds gab‘s 1908 also viel Grund, Bremen zu loben.

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