„Nur wenige sind jemals so schnell Fahrrad gefahren“

Ex-Astronaut Reiter trat auch im All in die Pedale

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Erst der Eintrag ins Goldene Buch der ÖVB-Arena, dann Probesitzen im Sattel: Rekord-Astronaut Thomas Reiter (links) und OHB-Vorstand Fritz Merkle (rechts) überstanden auch diese Einsätze für die Fotografen und Kamera-Teams bestens gelaunt.

Bremen - Von Cord Krüger. Er musste schon weitaus nervenaufreibendere Countdowns überstehen als den gestrigen in der rappelvollen ÖVB-Arena. Am Abend durfte Thomas Reiter, Deutschlands wohl bekanntester Ex-Astronaut, die 54. Bremer Sixdays anschießen

Da hatte der 59-Jährige mit der Erfahrung aus 350 Tagen im All auf den Raumstationen Mir und ISS (länger war nie ein Europäer in der Umlaufbahn) mal selbst das Kommando und brauchte sich nach dem Herunterzählen aus tausenden Kehlen lediglich mit Fritz Merkle, dem Vorstandsmitglied des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB abzustimmen. 

Früher hingegen musste Reiter mal zwei abgebrochene Countdowns verkraften – nach jeweils vier Stunden Vorbereitungszeit im engen Space Shuttle. „Da ist man sich dann im Klaren darüber, dass die Risiken, mit solch einem Gerät zu fliegen, weitaus höher sind“, verdeutlichte der Luftwaffen-General – auch mit Blick auf die Mitarbeiter der Range Safety, die im Extremfall derartige Shuttles oder Raketen mit ihren bis zu 2000 Tonnen Wasserstoff an Bord hätten sprengen müssen. Wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hätten sich er und seine Raumfahrer-Kollegen damals gefühlt, umschrieb es der einstige Jet-Pilot so jovial, wie es Fliegern eben nachgesagt wird.

„Man muss sich quälen“

Doch Reiter fand auch in diesen Szenen Parallelen zum Hochleistungssport, wie ihn die Bahnrad-Profis in den noch kommenden fünf Nächten zeigen: „Man konzentriert sich jahrelang auf seine Arbeit, muss sich quälen, sein Ziel zu erreichen – und hart trainieren“, nannte Reiter die Gemeinsamkeiten.

Ähnlich hatte es zuvor Merkle formuliert: Radsportler und Raumfahrt-Experten müssten „kämpfen, um ein Ziel zu erreichen, Leidenschaft und Passion mitbringen – und das über einen langen Zeitraum“.

Interessant, kurzweilig und bisweilen nachdenklich sprach Reiter über seine Zeit im All, die atemberaubenden 16 Sonnenaufgänge im Zeitraum von 24 Stunden, aber auch über die vielen Welt-Konflikte mit ihren von oben zu erkennenden Rauchschwaden oder dem stockdunklen Balkan während des dortigen Kriegs Mitte der 90er-Jahre. „Es ist für uns Menschen anscheinend nicht so einfach, hier unten miteinander auszukommen.“

Bei 28.000 Stundenkilometern im Sattel

Während seiner Zeit in den Raumstationen sei dies freilich anders gewesen. „Wenn man so lange auf engstem Raum zusammenarbeitet, schweißt das natürlich zusammen.“

Und geradelt ist Reiter im Orbit ebenfalls. Auf der Internationalen Raumstation (ISS) „gibt es sogar zwei Fahrrad-Ergometer – einen im russischen und einen im amerikanischen Segment“, plauderte der Star-Gast aus dem Nähkästchen. Angesichts der zweieinhalb Stunden Sport täglich für jedes Besatzungsmitglied – ob im Fahrradsattel, angegurtet auf dem Laufband oder im Krafttrainer – habe er reichlich Pensum mit Treten der Pedale absolviert. „Und ich kann sagen, dass es wenige Menschen gibt, die jemals so schnell Fahrrad gefahren sind“, scherzte der Familienvater in Erinnerung an die Wahnsinns-Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde, mit der sich die ISS um die Erde dreht.

Da durfte es der im ammerländischen Rastede lebende Weltraum-Veteran gestern Abend bei seinem Fast-Heimspiel deutlich ruhiger angehen lassen. Der heutige Koordinator für internationale Agenturen in Diensten der europäischen Raumfahrtorganisation ESA versicherte: „Ich freue mich riesig, hier zu sein. Bremen ist einfach eine Raumfahrt-Stadt.“ Und für die nächsten fünf Tage eine Radsport-Hochburg obendrein.

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