Volkstrauertag: Ernst Kahrs berichtet von der Suche nach dem Grab des Vaters

Reise nach Duchowschtschina

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Ernst Kahrs sitzt im Volksbund-Büro und blättert in einem Album mit Bildern von der Reise zur Einweihung der Kriegsgräberstätte Duchowschtschina.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Meine Mutter sagte immer, den werden sie ja nie finden.“ Ernst Lüder Kahrs aus Borgfeld, Betriebstischler bei der Straßenbahn, ist am 3. September 1943 in Russland gefallen.

Etwa 100 Kilometer östlich von Smolensk traf ihn ein Granatsplitter am Kopf. „Er konnte nicht mehr geborgen und bestattet werden“, sagt sein Sohn, der ebenfalls Ernst Kahrs heißt und 1942 geboren wurde.

Mit der Hilfe des Volksbunds hat er sich auf Spurensuche begeben. Davon berichtet Kahrs am Sonnabend, 16. November, um 17 Uhr in der Oberen Rathaushalle – bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag, organisiert vom Bremer Landesverband des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Es spielt das Orchester der Gesamtschule Ost. Neben Kahrs sprechen Dietmar Werstler, Landesvorsitzender des Volksbunds, Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Generalstaatsanwältin Kirsten Graalmann-Scheerer. Sie kennt die Arbeit des Volksbunds gut, hat in der Vergangenheit an einem Workcamp in Compiègne, Frankreich, teilgenommen.

Das hat Kahrs als junger Mensch ebenfalls gemacht. Über den Vater sei nach dem Krieg zu Hause kaum gesprochen worden – nicht von der Mutter, nicht von den Großeltern. Das Thema kam einfach nicht vor. „Es war wie in vielen anderen Familien auch“, sagt Kahrs. Seine Mutter habe auch nicht wieder geheiratet. „Unsere Mutter war mit der Versorgung und Erziehung von uns drei Kindern beschäftigt.“

Ihrem Mann hatte sie noch ein Foto an die Front geschickt. Der Säugling Ernst auf ihrem Arm, die Geschwister daneben. Ein Jahr später fiel der Ehemann und Vater dann – einen Monat vor seinem 31. Geburtstag.

Wunden, wie es sie in vielen Familien gab und gibt. Oft wirken sie über Jahrzehnte und über Generationen nach – der Volkstrauertag ist eine Gelegenheit, daran zu erinnern. Die Aufarbeitung der Ereignisse, Wunden und Traumatisierungen beginnt, wenn überhaupt, oft spät – mit dem Abstand der Jahrzehnte. Zudem begünstigt auch die zeitgeschichtliche Entwicklung die Nachforschungen und die Beschäftigung mit dem Thema an sich.

Eine Reise nach Russland mag durchaus ein großes Projekt sein – sie ist heute gleichwohl einfacher möglich als zu Zeiten von Eisernem Vorhang und Kaltem Krieg.

Kahrs reiste nun in die Nähe des Orts, an dem sein Vater gestorben ist. Der Volksbund weihte in diesem Sommer den „letzten großen Sammelfriedhof für deutsche Kriegstote in Russland“ ein – in Duchowschtschina, 60 Kilometer nordöstlich von Smolensk entfernt. Tote aus Gräbern der umliegenden Schlachtfelder wurden hierher umgebettet. Tausende Namen von Kriegstoten sind bekannt. Tausende aber sind noch nicht – etwa anhand von Erkennungsmarken – identifiziert. Ist der Vater von Ernst Kahrs unter den anonym Bestatteten? Es steht zu vermuten. „Im Namenbuch aller in dieser Region Gefallenen, das auf dem Friedhof ausliegt, ist er – wie viele Vergleichbare – aufgeführt“, so Kahrs. Die Begegnungen in Russland beschreibt er als „offen und positiv“, es sei tatsächlich die vielzitierte „Versöhnung über den Gräbern“. Ernst Kahrs: „Es war sehr berührend, sehr angemessen.“

Nach der Gedenkstunde am Sonnabend folgen am Sonntag, 17. November, die Kranzniederlegungen von Bürgerschaft, Senat, Jüdischer Gemeinde und des Volksbunds zum Volkstrauertag – und zwar um 15 Uhr auf dem Osterholzer Friedhof (Feld K, Treffpunkt: Haupteingang Osterholzer Heerstraße). Für die Jüdische Gemeinde spricht Liviu Cornea.

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